Buntes Papier

Hinter mir fällt die Tür ins Schloss. Mit einem Ächzen lasse ich die schwarzen Taschen zu Boden gleiten, der Teppich verschluckt das Geräusch des Aufschlags. Die Taschen sind prall gefüllt mit Glück und Unglück und Blut und Schuld. Meine Frau weiß das. Sie steht mitten im Raum, regt sich nicht, beobachtet jede meiner Bewegungen wie man eine sich windende Schlange beobachtet. Auf ihrem Gesicht zeichnet sich kein Ausdruck ab, jedenfalls kann ich keinen erkennen. Ich könnte sie begrüßen, sie könnte mich begrüßen, doch zumindest in diesem Punkt sind wir uns einig. Wir schweigen uns an. Unsere Blicke treffen sich für einen Moment, dann wandern sie zurück auf den Boden, zum Teppich.

Ich knie mich hin und ziehe den Reißverschluss der ersten Tasche auf. Dann den der zweiten. Ich atme tief ein, sauge den bereits vertrauten Geruch ein, der herausströmt. Kleine Teiche, rot, orange, blau. Meine Hände wühlen durch die in Päckchen sortierten Banknoten und in meinem Kopf rattert es, als ich damit beginne, die Gesamtsumme zu überschlagen.

»Mehr als genug«, sagt meine Frau. Sie verzieht noch immer keine Miene, regt sich noch immer nicht. Wir haben lange nicht miteinander geredet, ihre Stimme klingt fremd und unangenehm, als ich sie nun wieder höre. Natürlich weiß sie, was ich denke. Sie kennt mich gut und lange.

Ich antworte nicht. Alles, was die Stille im Raum durchbricht, sind das verstohlene Rascheln und das Rattern in meinem Kopf. Irrwitzige Zahlen reihen sich in meinen Gedanken aneinander. Ich habe mehr als genug. Genug für zwei oder drei Leben.

Meine Frau erwacht aus ihrer Starre. In einer mir bekannten Haltung der Abwehr verschränkt sie die Arme vor der Brust. Sie will nichts damit zu tun haben, nichts mit mir zu tun haben. »Was war diesmal der Preis? «, fragt sie.

Ich stelle das Wühlen ein. Langsam schaue ich auf. »Willst du das wirklich wissen? «

»Ich weiß es nicht. « Angespanntes Schweigen. »Wann hört das alles auf? Wie viel ist genug? – Was willst du uns noch antun? «

Ich lache laut auf. »Was ich uns noch antun will? Ich habe das alles getan, damit es uns besser geht …«

»Dein Blutgeld war niemals eine Lösung dafür. «

»Ich habe das für uns getan. Für uns, muss ich das immer und immer wiederholen? Muss ich das jedes gottverdammte Mal erklären? Du kennst meine Gründe so gut wie ich – natürlich, ich habe dir oft genug mein Herz ausgeschüttet. Du kennst mich. Du weißt, warum ich das tun musste, warum ich das tue. «

Meine Frau lacht bitter. »Ja, das weiß ich, und du weißt das genauso, nur bist du nicht Manns genug es zu sagen. «

»Oh bitte, erleuchte mich! « Fragend breite ich die Hände aus. »Wie sieht dieser triftige Grund aus? «

Sie wirft verzweifelt die Arme in die Luft. »Du bist tatsächlich nicht Manns genug. Du bist zu feige für die Wahrheit! Ich habe einen Feigling geheiratet, einen ignoranten Feigling! «

Stumm folge ich ihren Händen mit den Augen, sie gestikulieren wild und strafen die zuvor gesehene Reglosigkeit Lügen.

»Du bist ein Egoist und das weißt du. Die vielen Jobs, das viele Geld. Alles, was du für uns tust, das tust du für dich. Streite es nicht ab, ich weiß, dass du es weißt. «

Eine Pause entsteht. Die Pause dehnt sich, solange bis sie keine Pause mehr ist, sondern die zurückgekehrte Stille. Im Raum ist es still. Scheinbar in Zeitlupe lasse ich mich auf die Knie herab und beginne erneut das Geld zu zählen.

»Ich habe es für mich getan. «

Die Augenbraue meiner Frau wandert überrascht nach oben.

»Ich habe all dieses Geld verdient, weil ich Spaß daran hatte. Habe all diese Gesetze gebrochen, weil es notwendig war. Und ja, Scheiße passiert, aber der grausige Nachgeschmack geht vorüber, alles geht vorüber. «

Ich kippe die schwarzen Taschen um und beginne, die Scheine am Fußboden zu verstreuen. »Alles geht vorüber. Es braucht nur etwas Geduld und etwas Zeit – das wollte ich immer schon einmal machen, du nicht? «

Auf Teppich und Parkett liegt eine Schicht von Banknoten, eine attraktive Möglichkeit für ein Bad. Mit einer einladenden Geste deute ich in Richtung Boden.

»Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. « Meine Frau mustert mich wie einen Fremden. »Wenn das alles ist, was du zu sagen hast, dann ist das sehr schade. «.

Ich lächle. »Das Geschäft mach zynisch. «

»Das Geschäft macht zynisch«, wiederholt sie. Sie legt den Kopf schief, als lauschte sie dem Klang dieser Worte. Anschließend verlässt sie den Raum. Ich schaue ihr hinterher, doch bevor meine Gedanken abdriften können, lenke ich sie zurück auf den mit Geld belegten Boden.

Spannung fällt von mir ab. Ich erschlaffe, gebe der Kraft, die mich unweigerlich nach unten zieht, nach und bliebe am Fußboden liegen. Die Geldpäckchen stören dort unter meinem Rücken und sind bei Gott kein attraktives Schwimmbad, allerdings sind es auch zu wenige und ich bin seit den ersten Micky-Maus-Heften zu hohe Ansprüche gewohnt.

Ich greife nach einem kleinen Stapel Scheinen. Behutsam angle ich einen Fünfziger heraus, danach halte ich ihn gegen das Licht, folge mit dem Blick den feinen Mustern und Konturen, den Landmassen, Bogengängen und nicht entzifferbaren Unterschriften, die man auf einem Fünfziger für gewöhnlich findet.

Ich kenne Idioten, die behaupten, diese Scheine wären nichts anderes als Scheine, nur schillernd bedrucktes Papier. Ich kenne kein Papier, auf das sich die Kleinen zum Geburtstag freuen, kein Papier, wegen dessen gestritten und geweint wird, kein Papier, für das man tötet. Es stimmt, am Anfang war es nichts als ein Partikel Baumstamm, geschliffen und zerrieben in kleinste Teile, so lange entwässert, bis es die uns bekannte Form angenommen hat. Wir haben es vom Papier zum Gott erhoben und wir dienen ihm bis in den Tod. Es gibt wenige Dinge, die man nicht des Geldes wegen tut.

Es gibt kein anderes Papier wie dieses.

Das Geld sollte meine Frau und mich zusammenschweißen, unsere Beziehung einer sanften Kur unterziehen. Stattdessen hat es einen Keil zwischen uns getrieben, eine unsichtbare Barriere, so dick und so dicht, dass ich hermetisch abgeriegelt mein Leben fristen muss. In meiner undurchdringlichen Blase bin ich allein. Allein mit meinem Geld, meinen bunten Scheinen. Hier drinnen sehe ich alles klar und plötzlich erkenne ich, wer meine Frau ist, wer ich bin.

Nein. Es gibt kein anderes Papier wie dieses.

Dieses Papier macht uns zu Übermenschen. Es macht uns zu Tieren. Es macht uns zu dem, was wir sind. Es ist die Böe, die den Schleier hebt, der unseren Blick auf die Wahrheit getrübt hat.

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Niklas Nachtnebel