Charon

Ich stehe gespannt im knietiefen Wasser und warte, bis sie kommen.

Angestrengt starre ich in die Dunkelheit, und versuche den Umriss eines Menschen darin zu erkennen. Sidika und die anderen sind schon viel zu lange weg, und ich beginne mich zu fragen, ob sie überhaupt noch kommen.

Der lauwarme Meereswind zerrt an meinen Haaren und an meiner Kleidung und treibt mir vereinzelt kleine Sandkörnchen in die Augen. Die unruhige See lässt den Kahn hinter mir stark hin und her schwanken, und ich musste schon einige Male zum Ufer rennen, weil sich das Tau gelöst hatte. Meine Kleidung ist nun schon von oben bis unten klitschnass und klebt mir unangenehm am Körper, und trotz der warmen Temperaturen beginne ich allmählich zu frieren.

Wann kommen sie endlich?

Endlich sehe ich die Umrisse einer großen Menschengruppe, die sich schwarz gegen den dunklen Hintergrund abzeichnet. Seltsamerweise pocht mein Herz wie wild gegen meinen Brustkorb, und ich bin viel aufgeregter als ich es zugeben könnte. Immerhin ist es das erste Mal, dass Sidika mich mitnimmt. Die Menschengruppe bleibt am Strand stehen, einer nach dem anderen händigt Sidika das Geld aus.

7 000 € pro Person.

Gegenüber anderen Schleppern sei das noch ziemlich günstig, hatte Sidika zu mir gesagt, aber trotzdem bringt das ein ganz schönes Sümmchen zusammen.

Nachdem das Geschäftliche erledigt ist, waten die Menschen durch das Wasser zu mir, und ich helfe ihnen auf den Kahn zu klettern.

Der Erste ist ein kleiner Mann mit weit voneinander entfernten Augen und einem ungepflegten Bart. Obwohl er so klein ist, will er meine Hilfe nicht annehmen und schafft es, alleine auf das Boot zu klettern. Die Nächste, eine Frau mit Kopftuch, stellt sich etwas ungeschickt an, und als sie mit einem lauten Platsch ins Wasser fällt, beginnen die Menschen hinter ihr sich nervös umzublicken.

Doch ich bin beruhigt. Die Bucht ist geschützt, und bei rauer See traut sich die Küstenpolizei nicht aufs Wasser, schon gar nicht bei Nacht.

Ich weiß nicht mehr, wie vielen Menschen ich dabei helfe, in den Kahn zu steigen. Zuerst achte ich noch auf ihre Gesichter, die vielen, fremden Gesichter, doch irgendwann höre ich damit auf. Vielleicht liegt es an den Blicken, die sie mir alle zuwerfen. Es sind meistens böse Blicke, wütende Blicke, hinter denen sich Angst und Unsicherheit verbergen.

Solche Blicke sieht niemand gerne.

Ich weiß, dass wir sie in ihren vermutlichen Tod schicken. Aber wenn man nach Europa will, muss man dieses Risiko eben auf sich nehmen, hatte Sidika gesagt.

Ein paar Kinder sind auch dabei.

Ich habe Geschichten über das gehört, was diesen Menschen widerfahren ist. Es sind Geschichten über Tod und Krieg und Elend und Furcht. Überall im Internet sieht man Bilder von zerbombten Häusern, zerstörten Städten und leidenden Menschen.

Ich bin froh, dass ich nicht aus ihrem Land bin. Doch sie tun mir leid, vor allem die Kinder. Ein Ort, der so schrecklich ist, dass man das Leben der eigenen Kinder aufs Spiel setzt, nur um von dort wegzukommen, muss ein schrecklicher Ort sein.

Wenigstens kann ich ihnen helfen, von dort zu fliehen. Ich verstehe nicht ganz, wieso die Küstenpolizei uns aufhalten will. Die Menschen wollen nach Europa, und wir ermöglichen ihnen den Weg dorthin.

Würden wir nicht immer in der Gefahr leben, von der Polizei erwischt zu werden, müssten wir sie nicht immer bei Nacht oder Sturm losschicken.

Ich verstehe generell die Menschen nicht, die diese Kriege begonnen haben. Die Herrscher, die Spinnen, die überall an ihren Fäden ziehen und andere für sich kämpfen lassen. Die, die Welt um sich herum zerstören, die Menschen um sich herum töten und foltern, nur damit sie sich selbst einen größeren Swimmingpool kaufen können.

Oder so etwas in der Art.

Ich weiß doch nicht, was diese Menschen sich wünschen.

Wie dem auch sei, ich kann bei diesen großen Geschäften sowieso nicht mitreden. Ich bin nur ein Wurm, ein Käfer, der, wie alle anderen auch, seine Arbeit verrichtet.

Endlich sind alle Leute auf dem Boot. Dursun, ein großer, schlaksiger Junge, ungefähr 17, so wie ich, klettert geschickt hinter den Menschen in den Kahn. Der Wind weht seine Stimme hinaus aufs Meer, als er den Leuten erklärt, wie der Motor zu betätigen ist. Ich hoffe, sie können ihn hören. Ein Mädchen löst das Tau, das das Boot mit dem Ufer verbindet, der Motor springt an, und das Boot beginnt gegen die Wellen anzukämpfen. Dursun springt von dem Kahn ins Wasser und schwimmt zu uns ans Ufer. Wir gratulieren uns alle gegenseitig, und als Sidika das Geld in die Höhe hält, jubeln wir alle, und viele klopfen mir anerkennend auf die Schulter. Ich fühle mich glücklicher und lebendiger denn je. Ich kann es kaum erwarten Baba und Anne das Geld zu zeigen. Sie werden mich umarmen und küssen, und endlich kann ich ihnen zeigen, dass ich genauso viel wert bin wie meine große Schwester. Langsam beginnt sich unsere Gruppe zu bewegen. Bevor ich dem Meer den Rücken zukehre, suche ich noch einmal mit meinem Blick nach dem Boot. Die Umrisse sind nur schwer gegen die dunklen Wassermassen auszumachen, und der Kahn wird von den Wellen ziemlich hin und her geschaukelt. Insgeheim wünsche ich ihnen viel Glück bei der langen Reise nach Europa. Dann drehe ich mich um und renne den anderen hinterher. Vielleicht gehen wir ja noch ein bisschen feiern.

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Pia Schiel