Der Bestsellerautor

Tagblatt vom 27. Februar 2014: "Heute Morgen ist der Bestsellerautor Thomas Reihof (u. a. "Morgentau") tot von seiner Reinigungskraft Martina L. aufgefunden worden. Es handelt sich hierbei scheinbar um ein Herzversagen. "

Im Arbeitszimmer von Thomas Reihof war es finster. Stockfinster, bis ich den Laptop aufklappte und dieser ein schwaches Licht spendete. Ich nahm den dunkelgrünen USB-Stick aus der rechten hinteren Hosentasche und steckte ihn in den Computer. Es war das übliche Prozedere, nichts weiter: Ins Haus kommen, Computer finden, kopieren, löschen und dann . . .

Thomas Reihof hatte mit seinem letzten Roman Millionen verdient. Wieso sollte nicht ich mit seinem nächsten Buch mein Glück versuchen?

Das Kopieren der Datei dauerte ewig. Ein dickes Buch also - vielversprechend. "Tränenglitzer" hieß es - auch vielversprechend. Aber etwas anderes konnte man vom lieben Thomas auch nicht erwarten. Er war eine Ikone, ein Vorbild, ein richtiger Vorzeigeschriftsteller. In kurzen Worten: Mein genaues Gegenteil, denn ich war definitiv niemand, dem man etwas nachmachen sollte. Schon gar nicht das, was ich jetzt tat.

Tagblatt vom 13. April 2014: "Ganz Europa ist noch immer geschockt über Thomas Reihofs Tod, aber inzwischen ist ein neuer Stern am Schriftstellerhimmel aufgegangen: Daniel Waldheer landete mit seinem Roman "Tränenglitzer" einen Bestseller in Österreich, Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz. "

Ein Verlag für das Buch zu finden war nicht schwer. Es war ein Meisterwerk. Jeder Verlag hätte es mit Freuden gedruckt. Ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, das ganze Buch zu lesen, dafür war es mir zu dick. Ich vertraute voll und ganz auf die Künste von Thomas Reihof. Außerdem - er hätte meine Bücher auch nicht lesen wollen. Niemand hatte meine eigenen Bücher lesen wollen.

Tagblatt vom 7. Juli 2014: "Der Tod von Thomas Reihof ist noch nicht lange her und gestern wurde die Leiche der bekannten Schriftstellerin Camilla Wallner von ihrem Mann Moritz Wallner entdeckt. Auch sie starb an einem Herzversagen. Ein Zufall? Das wird mittlerweile ausgeschlossen. Die Ermittlungen laufen. "

Camilla Wallner hatte eine grüne Wohnung: Nahezu alle Wände waren grün gestrichen, viele Möbel waren grün und überall standen grüne, blütenlose Topfpflanzen in grünen Übertöpfen herum. Sogar ihre Computermaus war grün. Das Mauspad auch. Ich war versucht, meinen grünen Stick dort zu lassen, aber ich brauchte ihn.

Die Wallners waren einen rothaarige Familie mit grünen Augen. Das harmonierte gut mit der Wohnung. Von der Bildschirmoberfläche strahlten mich alle drei an: Camilla, ihr Mann und der gemeinsame, etwa zweijährige Sohn. Der Arme würde seine Mami früh verlieren, aber das war nicht mein Problem. Viel wichtiger war jetzt, die Datei "Das Flüstern der Nacht" auf meinen Stick zu kopieren, von ihrem Computer zu löschen und dann die Flüssigkeit aus dem kleinen Fläschchen, das sicher in meinem Rucksack verstaut war, mit einer feinen Nadel in Camillas Nacken zu spritzen, so dass sie nichts davon merkte. Ich hatte mich zuvor in den Terminkalender, den ihr Mann auf dem Handy hatte, gehackt und herausgefunden, dass er heute bei einer Geschäftsreise in Prag war und mein Vorhaben nicht stören würde.

Tagblatt vom 5. November 2014: "Wieder schießt Daniel Waldheer auf der Beststellerliste nach oben. Sein neuer Roman "Das Flüstern der Nacht" wurde seit seinem Erscheinen am 23. Oktober schon über 30. 000 Mal verkauft und Kritiker bezeichnen ihn als Wunderwerk der Literatur. Ist ein weiterer Roman geplant? Wir hoffen es sehr! "

Hatte ich gesagt, "Tränenglitzer" sei genial? Nun, "Das Flüstern der Nacht" war noch besser. Und es verkaufte sich auch noch besser. Binnen zwei oder drei Wochen war das Buch überall zu sehen: Dutzende Exemplare lagen in Buchhandlungen auf, Menschen aller Art lasen es im Bus und junge Mädchen, die vom Hauptcharakter begeistert waren, schrieben sich seinen Namen auf die Hand. Auf den Schreibtisch in der Schule. In den Whats-App Status. "Philip Swayne".

Tagblatt vom 11. Juni 2015: "In Österreich sterben die Schriftsteller aus! Nach Thomas Reihof und Camilla Wallner starb gestern auch Monika Jordan (u. a. "Kaminkehrer können küssen"). Wieder ist die Todursache ein Herzversagen. Die Polizei geht von einem Serienmörder aus. "Wir wissen nicht, von wem oder warum sie getötet wurden, aber wir wissen, dass sie getötet wurden. Die Schriftstellerstellerei ist keine sichere Beschäftigung mehr. So viel ist sicher", so Kriminalpolizist Dieter Möring. "

Monika Jordan lebte in einem riesigen Haus außerhalb von Wien.

Das Überspielen des Romans "Schweinepink" ging diesmal schnell. Also ging ich auf leisen Sohlen in ihr Schlafzimmer, in dessen Mitte ein Bett stand, das zu groß war für einen Menschen alleine. Aber trotzdem, sie allein in dem großen Bett. Mit dem Bauch nach unten, die Gliedmaßen von sich gestreckt. Ich nahm das Fläschchen aus dem Rucksack. Digitalis. Das Gift aus den Wurzeln des Fingerhuts. Mit einer Spritze sog ich etwas Flüssigkeit aus der Flasche und injizierte es Monika in eine Speckfalte am Nacken.

Tagblatt vom 7. August 2015: "Zuerst "Tränenglitzer", dann "Das Flüstern der Nacht" und jetzt auch noch "Schweinepink"! Daniel Waldheer schreibt einen Bestseller nach dem anderen. Manche nennen ihn "Österreichs J. K. Rowling". Übertrieben? Keineswegs. Es ist bewundernswert, wie er mit jedem neuen Buch einen neuen Schreibstil und ein neues Genre aufnimmt. "

Drei Bestseller in Folge. Jetzt war ich berühmt. Aber es ging mir nie wirklich um den Ruhm, oder das Geld. Natürlich, das war ein angenehmer Nebeneffekt, aber was mich wirklich anspornte war der Kick des Einbrechens und Tötens. Zudem hatte ich immer vorgehabt Schriftsteller zu sein. Erfolglos. Bis ich meine eigentliche Gabe entdeckte.

Viele Menschen behaupten, Schriftsteller wären unzugängliche, exzentrische Genies. Das mag auch stimmen. Aber ich, ich war in erster Linie ein böses Genie. Wobei - auch ziemlich exzentrisch. Und mir war langweilig. Todlangweilig. Also beschloss ich einen weiteren Autor zu töten. Vielleicht nahm ich mir ja diesmal Österreichs J. K. Rowling vor. . .

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Hannah Frühauf