Der Schein zum ( un) glücklichsein

Es begann alles an einem kühlen Dezemberabend, an diesem Tag wurde ich erzeugt. Einen Namen habe ich nicht, doch ein Buchstabe gefolgt von elf Zahlen macht mich individuell von den unzählbar vielen Kopien meinerselbst. Es waren die letzten Tage vor Weihnachten, Bargeld wurde mehr denn je gebraucht, um seinen Liebsten noch ein Geschenk zu besorgen. Ich war bei Weitem nicht der Größte in unserer Familie, die eingeschlossen in jener Lade lag, in die nur ab und an Licht hineinstrahlte. Es gab alle Möglichen meiner Art. Die Arrogantesten waren die Gelben, Grünen und Violetten, sie drängten sich immer vor ans Licht, wenn die Lade wieder einmal geöffnet wurde. Doch dahinter wartete ich, der kleine Blaue, auf meinen großen Aufbruch, die Reise ins ungewisse.

Nachdem eine lange Zeit Dunkelheit herrschte, war es endlich so weit. Ein müder Mann mit Schnauzbart holte mich aus meinem Gefängnis und drückte mich sogleich einer alten Frau in die Hand, die mich sofort in ihre alte Ledertasche steckte. Dort traf ich auf einige Gleichaltrige, sie waren alle genau so aufgeregt wie ich, was mit uns passieren würde. „Ich will einmal für ein Schaukelpferd ausgegeben werden! “, gestand einer meiner orangenen Bekannten. Von den zwei grünen Scheinen, die sich für besonders wichtig hielten, wurde er nur ausgelacht: „Ein Schaukelpferd ist ja schön und gut, aber gegen ein Puppenhaus, wie das, das die alte Frau für uns eintauschen wird, ist das gar nichts! “ Aus solchen Streitereien hielt ich mich heraus, ich wollte bloß nicht in irgendeiner Tasche vergammeln, sondern die Welt sehen.

Kurze Zeit später wechselte ich wieder den Besitzer. „Kauf dir was Schönes dafür, aber ja kein Rauschgift, hörst du? “, waren die letzten Worte, die die alte Dame sprach, bevor sie mich in die Hände eines noch nicht volljährigen Jungen gab, der mich grausam in seine schmutzigen Jeanstaschen stopfte. Ich war auf engsten Raum zusammengepfercht mit einigen runden, goldfarbigen Platten, von denen ich schon einige in der Lade kennenlernen durfte, in der ich direkt nach meiner Erzeugung gelandet war. Doch es war erschütternd, sie hier zu sehen. Der größte Teil ihrer Fläche war überzogen mit einer klebrigen, undefinierbaren Masse, deren Herkunft ich erst gar nicht erfahren wollte, darunter hatten sie überall Schrammen und Kratzer.

Umso glücklicher war ich, als ich diese Vorkammer der Hölle verlassen konnte. „19, 99. “, sprach ein Mann, der ein Shirt mit dem Logo einer Elektonikwarenhändlerkette trug. Das kleine bronzene Kerlchen, das im Gegenzug in den Besitz des Jungen ging, tat mir richig Leid. Doch statt in die Lade der Kasse ging meine Reise weiter in die Brieftasche des Verkäufers.

Draußen wurde es schon dunkler, als ich wieder aus der Geldtasche des Verkäufers geholt wurde. In einem schummrigen, staubigen Raum wurde ich immer wieder über einen dreckigen Tisch gezogen. Spielmünzen und Karten wechselten ständig ihren Besitzer, für den Verkäufer lief es nicht all zu gut. Schlussendlich landete ich bei einem dicken Mann, der einen Anzug trug. „Gut gespielt“, gaben die anderen Spieler mit bösem Gesichtsausdruck zu und beobachteten, wie der Mann mich und einige mehr von meiner Art, die alle in der Mitte des Tisches lagen, an sich raffte. Von der Hektik des Spiels ganz ermüdet, hoffte ich mich in der schicken Geldtasche des Dicken ein wenig ausruhen zu können und versuchte zu schlafen.

„Gute Runde, meinen Glückwunsch! ", tönte einer der Mitspieler und riss mich so aus meiner Ruhe. „Ähm. . . danke. “, antwortete der Angesprochene kurz und knapp, das Gespräch war ihm deutlich unangenehm. „Lauf doch nicht so, wir haben Zeit“, reagierte er auf die nervös schneller werdenden Schritte des Dicken. „Du hast doch jetzt so viel Geld, dass du mir auch was abgeben kannst, nicht wahr? “, stellte er sich drohend vor den Gewinner des Abends. Zu seinem Pech schüttelte dieser den Kopf, und schon hatte der vorhin noch so glückliche Spieler eine Faust im Gesicht. Durch diesen gezielten Schlag verlor der Dicke sofort sein Bewusstsein. „Von wegen gut, Glück muss man haben. “ Der Räuber erleichterte meinen Besitzer um seine Geldbörse, zum Glück war er so hektisch, das ich ihm aus der Tasche fiel, bevor er sich aus dem Staub machte.

Der kalte Dezemberwind trug mich weiter in die Stadt hinein.

Nur noch die Weihnachtsbeleuchtung, die an den meisten Häusern hing, ließ die Leute die Straßen erkennen, und so kam es, dass ich ein letztes Mal für diesen Tag erkannt und angenommen wurde. Ein großer Mann mittleren Alters hob mich auf und steckte mich ein, er hatte es eilig, das konnte man ihm ansehen. „Bleib doch noch. . . “, bat er eine hübsche Frau, die vor dem Bahnhof mit einem Koffer stand. „Mein Schatz, du weisst doch, dass ich morgen wieder arbeiten muss. “ Plötzlich hielt sie inne. „Jetzt hab ich glatt meine Zugkarte in deinem Auto vergessen, wärst du so lieb, sie mir zu holen? “

Wenige Augenblicke später stand der Mann mit der Karte vor dem Eingang des Bahnhofs, wo ein Christbaumverkäufer seinen Stand aufgebaut hatte. Da kam ihm ein Geistesblitz. „Einer von denen bitte! ", sagte er. Der Verkäufer gab ihm den Gegenstand und bekam dafür mich. Mit einem Lächeln beobachtete der Verkäufer, wie der Mann zu seiner Freundin ging, den eben gekauften Mistelzweig über die beiden hielt und schmunzelte: „Jetzt musst du mich küssen. “ Die Frau freute sich sehr, überglücklich zog sie ihren Freund an sich und gab ihm das Gewünschte.

Geld spielt in unserem heutigen Leben eine große, unersetzliche Rolle. Es sorgt dafür, dass man Menschen, die einem wichtig sind, eine Freude machen kann. Es sorgt aber auch für Hass, Neid und Gier. Welcher Geist wohnt im Geld?

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Felix Steunzer