Der Tag, an dem das Geld eine Seele bekam

Das Fließband ratterte. Tausende runde Metallplättchen zogen in gleichmäßigem Tempo an den Mitarbeitern der Fabrik vorbei. Sie alle bestanden nur aus billigen Materialien: Aluminium, Kupfer, Zink und etwas Zinn. Noch waren sie alle gleich. Rauch stieg auf, als die große Maschine die Münze 86. 523 prägte.

Karl Benson ließ sich die Einnahme des starken Schmerzmittels von der jungen Apothekerin genau erklären. Er wirkte an diesem Tag nicht, wie alle ihn sonst kannten. Von seinem lebensfrohen und lustigen Gemüt war nichts mehr zu erkennen, stattdessen erschien er betrübt und niedergeschlagen. Als die junge Frau ihn fragte, ob er denn sonst noch irgendetwas bräuchte, antwortete er nicht. In Gedanken versunken, kramte er einen zerknitterten Geldschein aus seiner Manteltasche hervor. Er nahm das Wechselgeld entgegen und warf es achtlos in die Tasche.

„Heute muss ich – müssen wir uns alle – von Margarete endgültig verabschieden. Sie hat immer gelacht, auch wenn sie traurig war. Sie war stark, auch wenn sie am Ende ihrer Kräfte war. Sie hat getröstet, auch wenn sie selbst Trost gebraucht hätte. “ Er stockte, als er dies über seine geliebte Frau sagte. Seine Augen wurden glasig und eine Träne kullerte die Wange herab. Dann fuhr er fort: „Das Leben ist ein Fluss, der immer fließt und in Bewegung ist. Manchmal endet er in einem sanften Wasserbecken und manchmal mit einem tosenden Wasserfall. Die Krankheit hat ihr große Schmerzen bereitet, doch dennoch hat sie nie aufgehört zu kämpfen. Bis zum Schluss hat sie nicht aufgegeben – für uns. Ganz gleich wie es weitergeht, wir wissen: Margarete wird immer einen Platz in unserem Herzen haben! “

Der Lehnstuhl knarrte bei jeder Bewegung des alten Mannes. Er strich über die verblichenen Seiten des Fotoalbums. In jedem einzelnen Bild steckten tausende Erinnerungen, jedes einzelne machte ihm schmerzlich den Verlust bewusst. Er fühlte sich leer. All seine Gedanken waren von Trauer erfüllt. Irgendwann fielen ihm seine Augen vor Müdigkeit zu.

Zwei junge Menschen in der Wiese. Bunte Blumen. Grünes Gras.

Verliebte Blicke. Ein Gefühl der Unsicherheit.

Ein Sommerkleid mit roten Punkten im Wind.

Eine warme Hand sucht nach der anderen. Herzklopfen.

Die Sonne scheint. Ein vielversprechender Beginn.

Die Tage verstrichen und nichts änderte sich. Die etwas abgeblätterte Wandfarbe, das verstaubte Bücherregal, die abgeschlagenen Teetassen, die bereits tausendmal in Verwendung gewesen waren – alles blieb Minute für Minute gleich, und wirkte nun sogar noch trostloser und kälter als sonst. Er fröstelte. Die Kälte, die den Raum erfüllte, kam nicht nur aus seinem Inneren. Mit einer steifen Handbewegung griff er nach seinem Mantel, der ihn wärmen sollte. Ein Klirren war zu hören, als die kleine Münze auf den Boden fiel. Karl Benson griff nach ihr. Als er sie aufhob, blieb sein Blick daran hängen. Die Silhouette einer Frau war auf der Rückseite der Münze 86. 523 eingeprägt. Wieder überkam ihn die Trauer. Die Figur auf der Münze verschwamm und nahm die Gestalt seiner Margarete an. Zärtlich strich der alte Mann über das geliebte Gesicht und auf einmal schien es durch den von Tränen verschleierten Blick, als wäre sie wieder zum Leben erwacht. Sie war überall – ihre Gegenwart war im ganzen Haus zu spüren.

Der Schnee knirschte unter den schweren Stiefeln. Die Sonne ging gerade unter und tauchte den Himmel in ein dunkles Orange. In Gedanken versunken, ging der alte Mann den Weg entlang, die Münze noch immer in der Hand. Er drehte sie zwischen seinen Fingern hin und her und bemerkte nicht, dass es wieder zu schneien begonnen hatte. Beim Grab angekommen, seufzte er. Nur unscharf nahm er das Flackern der Laterne wahr. Moosiger Geruch stieg ihm in die Nase – den hatte er noch nie gemocht. Er murmelte ein paar liebevolle Worte. Sanft küsste er die Silhouette seiner Frau, die er auf der Münze sah. Dann warf er sie mit einer raschen Handbewegung auf das Grab. Ein letzter Blick streifte die verschnörkelte Grabinschrift.

Karl drehte sich um. Er verließ den Friedhof und schleppte sich nach Hause.

Margarete war tot. Für immer.

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Stephanie Tschulik