Der Weg

Als ich die Augen erneut öffne, ist es dunkel. Der Boden unter meinen bloßen Füßen fühlt sich glatt und eben an. Ich taste nach einer Wand, einer Fuge, einer Unebenheit, finde aber keine, also strecke ich meine Hand aus und laufe ihr eine Zeit lang nach. Obwohl ich weiß, dass ich mich bewege, könnte ich nicht sagen, ob ich von der Stelle komme. Ich schließe die Augen und mach sie wieder auf – kein Unterschied. Schließlich setze ich mich hin, lasse meine Finger über den Boden streichen. Seltsam, er ist weder warm noch kalt. Und so verweile ich. . .

 

. . . . für eine Sekunde

. . . . . . . . eine Minute

. . . . . . . . . . . . . . eine Ewigkeit.

 

Auf einmal höre ich ein entferntes Geräusch. Unsicher stehe ich auf und muss erkennen, dass der Untergrund nun nicht mehr glatt und eigenschaftslos, sondern weich und sandig scheint. Ein schwaches Glühen tritt an den Rand meiner Wahrnehmung und noch bevor ich diesen Gedanken verarbeitet habe, rattert eine Welle aus leuchtenden Farben an mir vorbei und breitet sich wie ein Wirbelwind aus bunten Teilchen aus. Gleißendes Licht verjagt die Dunkelheit in so rasantem Tempo, dass ich nur noch die Arme schützend vor Gesicht heben kann. Schon hat sich meine Umgebung vollkommen verändert. Ich stehe am Ufer eines Flusses. Ein Steg taucht seine knorrigen Beine einige Meter von mir entfernt in die tosenden Fluten. Neugierig laufe ich darauf zu. Ein Boot liegt vollkommen bewegungslos im treibenden Wasser. Die schillernden Wellen schubsen es von allen Seiten, ja scheinen es beinahe anzuspringen, weiterdrängen zu wollen, doch das Boot verharrt eisern an der Stelle, in seinem Zentrum sitzt eine vermummte Figur.

Ein Augenblick vergeht, während ich abwäge, was ich als nächstes tun soll. Aus Mangel an weiteren Optionen steige ich schließlich in das Boot. Von meinem Mitinsassen kommt keine Reaktion. Ich räuspere mich theatralisch. Immer noch nichts. „Ähm… hallo? “, kommt es schließlich wenig eloquent von meiner Seite. Der andere fährt ruckartig hoch, als hätte ich ihn gerade aus seinem Winterschlaf gerissen, dabei rutscht seine Kapuze nach hinten und ich finde mich zu meiner Überraschung einem ziemlich jungen Gesicht gegenüber, dessen markantestes Merkmal die stechend blauen Augen sind. Der Junge gähnt, streckt sich gehörig und kichert dann. „Ja, das trifft´s“, meint er und lächelt mich leicht verschlafen an. „Das mit dem Winterschlaf“, fügt er schnell hinzu, als er meinen verwirrten Blick bemerkt. „Wobei Winterschlaf eine leichte Untertreibung ist. Ich schlafe in letzter Zeit leider sehr viel. Wenig Betrieb und so. Und nein, du hast das nicht laut gesagt, aber Denken und Reden macht hier unten nicht wirklich einen großen Unterschied. “ Ohne seinen Lippen zu entweichen hallen die Worte direkt in meinem Kopf wieder. Gruselig. „K-k-könnten wir trotzdem sprechen? “ stammele ich und hoffe, dass der flehende Unterton meiner Stimme ihn überzeugt. Sicherheitshalber denke ich noch ein paar Mal mit aller Kraft bittebittebitte hinterher. Er nickt verständnisvoll. Ich mustere ihn ein wenig skeptisch. Er kommt mir definitiv nicht bekannt vor (an DIESE Augen hätte ich mich sicher erinnern können), was seltsam ist, weil ich irgendwo mal gelesen hab, dass man nur von Personen träumen kann, die man schon mal gesehen hat. Und das hier muss doch sicher ein Traum sein… Sonst würden sich ein paar äußerst unangenehme Fragen ergeben. Ganz vorn dabei: Wo bin ich? Wer ist das? Und der absolute Star einer jeden seltsamen Situation: Was zum Henker geht hier eigentlich vor? “Du fragst dich sicher was hier vor sich geht, wo du bist und wer ich bin“, unterbricht der Junge meine Gedanken. Meinen sauren Blick ignorierend, richtet er sich ein wenig gerader auf und rezitiert mit der Begeisterung eines Gymnasiasten, der gerade aufgerufen wurde, um den Zauberlehrling aufzusagen: „Nun es tut mir leid dich -ich duz´ dich jetzt mal einfach – darüber informieren zu müssen, dass das hier keinesfalls ein Traum ist. Bedauerlicherweise bist du tot, mein Beileid. Die Umstände deines Lebens und/oder Todes sind mir zwar bekannt, mir ist jedoch strikt untersagt darüber zu sprechen. Mein Name ist Charon oder einfach nur der Fährmann. Ich sehe hier“, er deutet vage über meinen Kopf „dass du in der Schule sowohl Latein als auch Griechisch hattest, daher also mit meiner Aufgabe, nämlich dem Transport der Seelen, vertraut bist. Nein, es läuft nicht alles ganz so wie die guten alten Griechen sich das ausgemalt haben, von wegen Hades, Elysium etc. , aber auch über die genauen Abläufe hier darf ich keine Auskünfte geben. Noch Fragen? “ Die eisblauen Augen blitzen mich mit der Intensität zweier blauer Kometen erwartungsvoll an.

„Ich… bin tot? “

„Jup. “

„Ganz tot? “

„Mausetot. “

„Hm. “

„Ja, tut mir leid. “

Wir schweigen uns kurz an.

„Den Teil mit dem Winterschlaf hab ich nicht ganz verstanden“, platzt es schließlich aus mir heraus.

Sein Lächeln ist dieses Mal schon beinahe warm „Ich bin nicht der einzige der die Seelen einsammelt. Je nachdem, woran du in deinem Leben geglaubt hast, wirst du nach deinem Tod empfangen. Und das ist eben immer so eine Geschichte. Im Endeffekt klammert ihr Menschen euch an Vorstellungen, Ideen. Und die Idee von mir hat dir anscheinend ganz gut gefallen- ich bin übrigens sehr geschmeichelt - wie du dir aber vorstellen kannst, gehörst du zu der aussterbenden Gruppe jener, die überhaupt von mir gehört haben, demnach ist mein Job in letzter Zeit nicht besonders ereignisreich. Alles klar soweit? “ Ich nicke stumm. „Das macht dann bitte einen Obolus. “ „Wie bitte? “ „Du musst mich bezahlen. So sind die Regeln. “ Ich blicke ratlos an mir herab. „Aber, ich hab doch nichts“ erwidere ich leicht beschämt. Das Licht der kleinen Kometen flackert bedauernd. „Dann kann ich dich nicht mitnehmen. “ „Ach komm, die ganze Sache mit der ollen Münze ist doch total veraltet! “, versuche ich ihn mit meinem besten Lächeln zu überzeugen. Der andere schmunzelt nur belustigt. „Tatsächlich? Wenn man dem Gerede Glaube schenken darf, läuft es da oben doch genau so, oder? Alles hat seinen Preis, wer nicht zahlen kann, den straft das Leben. “ „Du weißt schon, dass die Redewendung ganz anders geht. “ „Das macht meine Version nicht weniger wahr. “ „Aber ich dachte, der Tod macht uns alle gleich. Ist das nicht euer Werbeslogan, hier unten? “ Ein spitzbübisches Lächeln gräbt sich in Charons Wange. „Und wann war ein Werbeslogan jemals mehr als ein leeres Versprechen? Du bist klug, das muss man dir lassen, aber Regeln sind Regeln, den Fährmann muss man bezahlen. “ „Und wenn nicht? “, seufze ich schließlich. „Dann bleibst du hier. In der Dunkelheit. Ohne Geräusche, ohne Gerüche, ohne Eigenschaften, bis du schließlich selbst zu einem Schatten verblasst. “

Schaudernd denke ich an die vielen Heldensagen, die ich als Kind so gerne gelesen habe, an die verlorenen Seelen, die rastlos umherstreifen, für immer verdammt. . . Moment… Helden! „Ich habe dir einen Handel vorzuschlagen. “, verkünde ich und blicke dem Fährmann fest in die Augen. „Jetzt wird´s interessant“, haucht er spielerisch. „Was schwebt dir vor? “ „Ein Rätsel. Wenn ich es lösen kann, nimmst du mich mit. “ Er scheint zu überlegen. “Komm schon“, locke ich „Was hast du zu verlieren? Den Ruf als Mitarbeiter des Jahres? “ Wie ein Schlag hallt sein Lachen über die geräuschlose Szenerie und ich realisiere im selben Moment, dass ich es hier trotz der jungen Fassade mit einer jahrhundertealten Macht zu tun habe. Einer von mir anscheinend sehr angetanen jahrhundertealten Macht. „Ich mag dich. Du bist aus dem Stoff, aus dem Sagen gewoben werden. Und ich könnte eine gute Geschichte gebrauchen, wer weiß, wann das nächste Mal jemand vorbei schaut. “

Er zeigt auf das gleißende Wasser hinaus. „Also pass gut auf: Das ist die Styx. Mal ist sie wild, dann wieder zahm. Ihr Wasser stärkt, härtet und heilt, ist aber gleichermaßen giftig. In ihren Fluten spiegelt sich das Leben, die zwei verbindet dasselbe Prinzip, das gleiche Regelwerk. Wenn du wüsstest wie, könntest du unendliche Kraft aus ihnen schöpfen, aber kaum einer wagt es, sie herauszufordern. Wie das Leben ist die Styx eine Kraft für sich, ein ewiges Geheimnis, gleichermaßen kostbar und gefährlich. Und dennoch fahre ich mit diesem kleinen Boot seit Anbeginn der Zeit auf ihr, und geleite die Seelen sicher weiter. Das Boot und ich wir zähmen die Wellen, machen uns die Gischt Untertan. Was ist die Essenz? Was treibt das Boot an? Das soll mein Rätsel für dich sein. “

Wir verweilen. . .

. . . . Sekunden

. . . . . . . . Minuten

. . . . . . . . . . . . . . Ewigkeiten.

Er liest meine Gedanken und ich denke. Wie ich in meinem ganzen Leben noch nie gedacht habe. Ich denke an das Leben. An mein Leben, das Leben meiner Lieben, das Leben all jener, die ich nie gekannt habe und nie kennen werde. Ich denke an das Leben und zum ersten Mal seit ich meine Augen erneut geöffnet habe, verstehe ich voll und ganz, was zum Henker hier wirklich vor sich geht: Ich bin nicht mehr. Ich denke an das Leben und ich erinnere mich daran wie ungerecht es war, wie Spuren davon, mich wie Echos sogar hierher verfolgt haben. Wie die Münze, die immerzu verlangt wird. Ich denke, und ich weine. Ich weine um mein ungerechtes Leben. Weil es - gerecht oder ungerecht - mein Leben war. Ich weine um meine Familie, meine Freunde, meine Träume, meine Ziele und meine Gedanken und ich weine, weil ich nicht weiß, was das dumme Boot vorantreibt. Ist es Geld? Ist es Liebe? Ist es Hoffnung? Ich denke an das Leben und wie der Fluss rinnen meine Tränen unaufhörlich meine Wangen herunter.

Weiter

und weiter

und weiter…

Bis ich es verstehe.

 

Als ich aufblicke begegnen mir Augen wie blaue Sterne, vorsichtig streicheln sie mein Gesicht und verwundert stelle ich fest, dass auch auf den Wangen des Fährmanns zwei Flüsse ihre Furchen gegraben haben. „Erstaunlich. “ flüstert er. Ich schenke ihm mein bestes Lächeln, und ich weiß, dass er spüren kann, dass es diesmal wirklich von Herzen kommt. „Weißt du“, grinse ich im spielerischen Tonfall, der mir den Umgang mit ihm von Anfang an so leicht gemacht hat. „Fast hättest du mich dran bekommen. Mit deiner großen Rede. Ich dachte, die Antwort muss kompliziert sein, gewichtig. Geld, Liebe, Wissen. Dabei ist es so einfach, so offensichtlich. Was das Boot antreibt, was es immer weiter schwimmen lässt, ist ein Blick. Der Blick nach vorne. “

Und der Fährmann nickt. Das ist alles. Kein überschwänglicher Applaus, keine Gratulation, kein Händedruck. Er nickt nur und es reicht. Dann nimmt er meine Hand und setzt mich neben sich auf den Boden des kleinen Kahns. „Jetzt müssen wir aber wirklich gehen. “ Ich kann das Lächeln förmlich aus seiner Stimme hören. Die blauen Kometen schweifen aus und verankern sich im Horizont, langsam setzt sich das Boot in Bewegung.

„Wohin? “, hauche ich in den Fahrtwind.

„Weiter. “

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Jana Podbelsek