Die Reise ins Paradies

, , Mama, wohin fahren wir? , ‘‘ frage ich. , , In den Frieden, in unser neues Zuhause‘‘, antwortet sie und hüllt mich mit ihren weichen Worten in eine warme Decke. , , Fahren die anderen Leute auch in den Frieden? , ‘‘ will ich wissen und hebe meinen Kopf, um ihr in die blauen Augen zu schauen in dem sich die Tiefe des Meeres widerspiegelt. , , Ja, Koumail, sie sind auch auf den Weg in ihr neues Leben‘‘, flüstert sie in meine Haare und ihre sanften Worte wärmen meine Kopfhaut. Ich spüre die Körper der fremden Menschen die an meinen gepresst werden und sehe, wie wir alle zu einer riesigen atmenden Masse verschmelzen. , , Ist unser altes Zuhause denn nicht schön? , ‘‘ Meine Worte sind leise, fast bewegungslos, dennoch finden sie den Weg zu ihren Ohren. , , Doch Koumail, natürlich ist es das. Nur auf der anderen Seite ist es viel schöner. Das verspreche ich dir. ‘‘ Sie haucht einen Kuss auf meine Stirn und zieht mich fester an sich. Sie möchte nicht, dass ich in diesem Menschenmeer untergehe, hinuntergedrückt werde von den Gewichten fremder, kraftloser Körper. Es sind so viele. So viele, zu einem Schluchzen aufgerissene Münder, so viele schmutzige Tränen. So viele müde Herzen. , , Wieso konnten wir nicht da bleiben‘‘, frage ich, klammere mich an ihren dünnen Hals und starre in die Wellen, die an unserem Boot zerren. , , Da sind ganz böse Menschen mit schwarzen Seelen, die uns alles wegnehmen wollen. So wie sie uns Papa genommen haben‘‘. Ihre Stimme bricht wie ein morscher Ast und ich drehe meinen Kopf ihrem Gesicht entgegen. Ihre blauen Eisaugen haben begonnen zu schmelzen. , , Du darfst doch nicht weinen Mama, wir sind doch jetzt in Sicherheit‘‘, flüstere ich in ihr Gesicht und versuche die Tropfen, die auf ihren Wangen hängen, wegzuwischen. Ihre Lippen formen sich zu einem Lächeln, ein trauriges Lächeln. Sie hält mich jetzt fester als vorher. Ich lasse meinen Blick über das Boot wandern. Wir sind ganz nach hinten gedrängt, zusammengepfercht auf engsten Raum. Körper schmiegt sich an Körper. Wir sind den anderen Menschen so nah, dass ich ihre salzigen Tränen und ihren durstigen Atem riechen kann. Hier hinten sind fast nur alte Menschen, Menschen mit eingefallener Haut, zitternden Gliedmaßen und Augen, die schon zu viel gesehen haben. Je weiter in die Mitte des Bootes sieht, desto mehr löst sich die riesige menschliche Masse auf, desto mehr Raum gibt es für jeden einzelnen. , , Mama, wieso haben die Leute da vorne mehr Platz als wir? , ‘‘ will ich wissen. , , Weil sie mehr Geld haben‘‘, flüstert sie, mit dem Blick auf den Abstand, zwischen den einzelnen Körpern und der Luft die von diesen geatmet wird. Ich habe das Gefühl gleich zu ersticken. Ganz vorne am Bug des Schiffes klaffen die Abstände zwischen den Menschen auf wie riesige Schluchten. Sie können ihr Arme und Beine bewegen, so viel Luft atmen wie sie wollen und müssen keine Angst haben in einem Meer aus Körpern zu ertrinken. , , Nur weil sie Geld haben? , ‘‘ frage ich noch einmal, während sich mein Blick an die kraftlosen Gesichter der alten Leute klammert. Ich kann etwas in ihren Augen sehen. Einen kleinen Funken, in den Augen jedes Menschen, hier auf dem Boot. Egal, wie zermürbt ihre Gesichter sind, wie gebrechlich ihr Körper oder wie stark ihre Gliedmaßen zittern. Sie haben alle Hoffnung. , , Ja, Koumail. Du bist noch zu klein um zu verstehen, was die Gier nach Geld mit Menschen anstellt. Sie verlieren all ihre Menschlichkeit dadurch, ‘‘ antwortet sie. Ihre Stimme klingt müde. , , Aber wenn jeder ein bisschen von seinem Platz abgeben würde, ist doch genug für alle da‘‘. Mein Blick wandert zu einer Frau, ganz am hinteren Ende des Bootes. Ihre Augen sind so müde. Ihr Körper schlaff. Ihre Lungen blähen sich nicht mehr auf, und ihre Gliedmaßen zittern nicht, , , Mama, wieso bewegt sich die Frau nicht mehr? , ‘‘ frage ich und spüre wie sich meine Augen mit Tränen füllen. , , Sie hat den Frieden schon gefunden‘‘, flüstert sie, ihr Kinn auf meinen Kopf gelegt. Ihre Tränen benetzen meine Haare. Ich sehe wie ein Mann auf die klebrige Menschenmasse zukommt, sie mit den Händen teilt, sich durch die geschundenen Körper hindurch zu der Frau boxt. Er packt sie an den Haaren und zieht sie zum Bootsrand. Mit einem Platschen landet die leblose Hülle im Wasser und wird von den Wellen gefressen. Mit Fußtritten und mithilfe seiner Fäuste bahnt er sich wieder einen Weg zum vorderen Ende des Bootes. , , Ich sage es gern noch einmal, bei Aufpreis dürft ihr einen Meter weiter nach vorne‘‘ Ein Vorhang aus Tränen zieht sich um die Augen der Leute, der Funke in ihren Augen wird immer dunkler, beginnt zu bröckeln, wie hart gewordene Farbe. , , Mama…‘‘, flüstere ich, meine Stimme hört auf Worte zu spinnen, als ich in ihr Gesicht blicke. Es scheint als würden sich bitter schmeckende Worte in ihrem Mund sammeln, die sie ihm gleich vor die Füße spuckt – doch stattdessen schluckt sie sie. , , Mama, ich…‘‘ Ich will hier nicht mehr sein. Ich kann nicht mehr atmen, ohne das Leid und die Verzweiflung in der Luft zu schmecken. , , Koumail, bald, ‘‘ haucht sie, und es ist als würden die Wörter zu Füßen der fremden Leute fallen, so schwer klingt ihre Stimme. , , Bald. ‘‘ Ihr Blick fällt in das Wasser, in die Wellen. , , Wie tief ist das Meer? , ‘‘ frage ich sie, und sehe wie sich ihre rauen Lippen zu einem Lächeln formen. So rau wie die See selbst. , , Sehr, sehr tief, ‘‘ antwortet sie mir. , , Wenn ich groß bin, kann ich dann darin stehen? ‘‘ Sie schaut mich an. , , Wenn du mir versprichst groß und stark zu werden, verspreche ich dir, dass du den Grund des Ozeans mit deinen Zehen kitzeln kannst! , ‘‘ sagt sie und ihr Mund verzieht sich zu einem Halbmond. Und es ist, als würde dieser lächelnde Halbmond in der Schwärze der Angst aufleuchten und ihr etwas an Dunkelheit nehmen. Ich sehe wie die anderen Leute uns anschauen. Ihre Münder sind zu schwach um sich in die Form eines Lächelns zu zwängen, doch ich sehe es in ihren Augen. Dasselbe Licht. , , Mama, wann sind wir da? , ‘‘ frage ich sie mein Blick liegt noch auf den Menschen. Auf den hoffenden Menschen. , , Es ist nicht mehr lang, ‘‘ flüstert sie, ihre hellen Augen auf den Punkt gerichtet wo der Himmel ins Meer taucht und Wolken das salzige Wasser aufsaugen. Und auf einmal taucht ein kleiner Fleck am Horizont auf. , , Was ist das? , ‘‘ frage ich und es scheint, als hätten meine leichten Worte auch die Ohren der andren erreicht. Vielleicht hat der Wind sie durch Luft gewirbelt und über das ganze Boot verstreut? Augen öffnen sich, Leben fängt an durch die Masse zu fließen und erwartendes Raunen erfüllt die Stille. , , Das ist unsere Zukunft, Koumail, ‘‘ schluchzt sie in meine Haare und es ist als wären ihre Augen Wolken, die über meinem Kopf brechen würden. Ein aufgeregtes Flüstern umschwemmt mich doch ist in der nächsten Sekunde auch schon vorbei. , , Mama, wieso sind die Leute nicht mehr fröhlich? ‘‘ Sie antwortet nicht, sie starrt nur den Punkt an, der mit stetig steigender Größe auf uns zu kommt. , , Was ist das? , ‘‘ frage ich noch einmal, denn die anderen scheinen sich mit trüben Blicken verständigen zu können, doch ich spreche diese Sprache nicht. , , Alles wird gut, Koumail, ‘‘ wispert sie und umschlingt meinen Körper noch fester mit ihren zitternden Armen. Der dunkle Fleck sieht erst aus wie eine Erbse, dann wie eine Kaffeebohne und dann – wie ein Schiff. , , Mama, wieso ist da ein anderes Boot? , , Ich… ich weiß es nicht, ‘‘ sagt sie, doch ihre Augen sagen mir, dass sie lügt. Es ist ein großes Schiff, doppelt so groß wie unseres, also auch doppelt so viel Platz für alle. Vielleicht ist es das Schiff das uns in den Frieden bringen soll, denn Mama hat gesagt der Frieden sei groß. Es hält neben uns. Blaue, salzige Farbe schwappt in unser Boot und macht unsere Kleidung nass und dunkel. , , Zweitausend für einen Umstieg! , ‘‘ruft der Mann. Der Mann, der die Frau mit den schlafenden Augen an die Wellen verfüttert hat. Ich sehe die Blicke der Menschen, sie bohren sich in mein Herz. Sie brauchen keine Worte, die Stille sagt alles was gesagt werden muss. , , Koumail…‘‘ Mamas heiße Tränen brennen sich in meine Haut. Ich spüre ihr Herz schlagen. Die Menschen die am Bug stehen krallen sich ihr Gepäck, drücken dem Wellenmann ein grünes Päckchen in die Hand und steigen in das andere Boot. Die Leute aus der Mitte, nehmen ihre Taschen und geben sie dem Mann mit dem schwarzen Herzen. Und hier, hier hinten scheinen sich die Leute zu verabschieden. Die Menschenmasse drängt sich noch näher zusammen und die Luft verdickflüssigt sich. Jeder möchte einen menschlichen Körper nah sein, lebenden Atem auf der Haut spüren und die gestorbene Hoffnung begraben. , , Mama warum sind alle so traurig? , ‘‘ frage ich. , , Sie sind nicht traurig, Koumail, ‘‘ flüstert sie, ihre Stimme schwimmt wie ein zitternder Fisch durch die Luft. , , Aber wieso weinen sie dann? ‘‘ , , Weil jeder Abschied schwer ist, doch jetzt kommen wir an einen besseren Ort, als diese Welt‘‘ Ich drücke mich an sie, atme ihren Geruch. , , Wieso fährt das Boot ohne uns weg? , ‘‘ will ich wissen. , , Das tut es nicht, sie werden uns auch mitnehmen, nur woanders hinbringen, ‘‘ wispert sie, ihre Worte fahren mir durch die Haare. Und das tut es tatsächlich. Das Schiff dreht sich und kommt langsam auf uns zu, wird von den Wellen getragen. Immer näher. , , Koumail, ich liebe dich so sehr‘‘, haucht sie in meinen Hals. Ihre Wörter fließen durch meinen Körper. In Fluss aus Gefühlen will sich aus meinem Mund sprudeln, doch er kann nicht. Das Schiff ist auf einmal so schnell, zu schnell für meinen kleinen Mund. Immer näher. Es bricht, schwarz wie die Nacht, über uns herein.

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Lola Giljon