Ein Mond für Prinzessin Leonore

Ich könnt’s Ihnen schwören, dass ich wirklich brav an die Regale gegangen wäre um meinem Thema, dem Aufbau von Heizsystemen, nachzugehen, wirklich. Doch wer hätte sehen können, dass mir am Weg durch die Bücherei das junge Mädchen auffallen würde und der Gegenstand neben ihr, welcher einer aus dem Laden gewesen sein mochte? Ich hatte einfach mit ihr reden müssen – und mit einer weiteren Person, die sich auch schon als Besitzer eines solchen offenbart hat.

Nun sitze ich hier an einem Holztisch und nehme mir gerade einen dritten Gesprächspartner in Angriff. Ein Mann, dessen Alter ich nicht ausmachen kann und der bis just eben noch in ein dünnes Büchlein vertieft gewesen war, und ihm gegenüber ich, sich die Freiheit nehmend, ihn anzusprechen. Ob er schon von den Marmeladengläsern vom Laden gehört habe und wie er diese fände.

„Warum meinst du, dass das Schwachsinn ist? “, stellt mir der Mann eine Frage und ich wundere mich nicht nur, dass er sich tatsächlich mit mir darüber unterhalten will, nein, mir fällt auch erst jetzt sein viel zu leuchtend grüner Schal auf und der Salamander auf seinem Sweater.

„Ganz einfach“, verkünde ich. „Es ist Schwachsinn, weil’s nichts bedeutet. Der Verkäufer tut, als wisse er, was wir wollen und in Wirklichkeit tischt er jedem was andres auf. ”

„Und das ist schlimm? ”

„Was daran soll uns glücklich machen? ”, kontere ich und kratze mich an der Nasenspitze. „Laut einem Mädchen, mit dem ich kurz gesprochen habe, soll es für kurze Zeit diese Marmeladengläser geben, eingewickelt in Papier, sodass man den Inhalt nicht sehen kann. Der Inhalt, der den Besitzer glücklich machen soll. Aber jedes Mal bekommen die Leute etwas anderes. Und ganz ehrlich? Ich wäre nicht glücklich über einen Plüschbären, so wie das Mädchen ‘nen bekommen hat. Super, ‘n Teddy, aber was sollte ich damit machen? Wär ich damit glücklich? Negativ. Also bin ich froh, dass sie’s bekommen hat. Sehen wir’s aber anders - was, wenn ich mir genau ihr Glas ausgesucht hätte? “ Ich mache eine kurze Pause und schaue den Mann an, wie er sein Kinn am Handballen abstützt und nur die weiße Wand hinter mir zu betrachten scheint. „Wenn ich ihr Glas genommen hätte, rein theoretisch natürlich, dann säß ich hier mit ‘nem Teddybären und könnte was damit anfangen? Nichts, nada. Ende. “

„Aber das Mädchen hat den Bären bekommen, nicht du. Und sie hat sich darüber gefreut, oder? “

Dass das Zufall gewesen sei, meine ich.

Dass es Schicksal sei, meint er.

„‘n Marmeladenglas weiß, was ich will? Mein Schicksal versteckt sich in einem Glasbehälter, ja? ”

„Das habe ich nie gesagt. “ Der Mann mustert mich mit seinen blassen Augen. Von irgendwo sind Schritte zu hören und der Wind schlägt gegen die Fenster. „Hör zu. Es ist nicht dein Schicksal, das sich vor dir versteckt, sondern einfach ein wenig Glück, das man dir schenken will. Ich habe ein Buch bekommen und mich machen die Geschichten wirklich glücklich. Andere erfreuen sich über ein paar Münzen, andere über Schmuck, ein Bild, ein Kuscheltier. Über alles Mögliche. ” Er hält mir sein Buch hin. „Diese Kleinigkeit, die dir hingegen nichts bedeuten könnte, ist umso wichtiger für mich. Ich glaube, darum geht es. Alle sind verschieden und haben andere Interessen, aber wir sind gleich, weil ein jeder gerne etwas wie Glück verspürt. Es gibt in diesem Buch auch eine Geschichte, die damit zu tun hat: 'Ein Mond für Prinzessin Leonore' und -”

Ich unterbreche ihn, indem ich das Wort Schwachsinn förmlich ausspucke, erneut. „Woher soll irgendjemand wissen, was ‘nem andren Glück bedeutet? Sag mir nicht, du freust dich eher über ein paar geschriebene Worte, als über Geld, mit dem du dir sogar ‚‘n Buch selber aussuchen könntest. “

„Siehst du! Jeder ist anders. Jeder denkt anders – hörst du das nicht aus unserem Gespräch heraus? “

„Aber das hat überhaupt nichts mehr mit Glück zu tun! Good lord! Vielleicht freut sich jemand über so ‘ne Kleinigkeit, aber man wird nicht glücklich durch so etwas. Froh sein und glücklich sein sin‘ immerhin keine Synonyme für einander. “

Er antwortet mit einem ruhigen ‚manchmal doch‘ und ich beiße mir auf die Unterlippe, ziehe meine Brauen zusammen. Solch ein …

„In Wirklichkeit ist es ganz einfach jemanden glücklich zu machen. “

„Machst du’s dir nicht zu einfach, das Alles? “

Auf meinen Blick hin, der nicht von Zustimmung spricht, beginnt mein Gegenüber wieder mit einem kurzen Wortwall.

„Wäre es besser, wenn es ganz komplex, ganz kompliziert wäre, glücklich zu werden? Sei froh, wenn es einen einfachen Weg gibt - schätze doch das Schöne in der Einfachheit. Eine Kleinigkeit, wie du es nennst, kann einem wirklich den Tag retten und gewiss, auch etwas wie Glücksgefühle hervorrufen. Die Leute wollen das zu oft nur nicht wahr haben. ”

Ich seufze schwer, er auch und steht nach einem Blick auf die Uhr auf. Schnell und wortlos packt er sein Buch und die übrigen Sachen am Tisch in seinen Rucksack ein, lässt diesen jedoch noch in den Händen.

„Ich konnte dich mit meinen Worten nicht überzeugen, oder? ”

„Yepp. ”

„Du meinst immer noch, dass es mehr braucht, als eine kleine Aufmerksamkeit, um jemanden glücklich zu machen? ”

Ich nicke, sehe ihm aber nicht ihn die Augen. Eigentlich müsste ich auch langsam wieder los und hatte dabei noch nicht einmal etwas zu meinem Thema recherchiert. Aber so einen Wortwechsel ist wieder einmal notwendig gewesen.

Ein Rascheln, ein Kramen. Ich blicke auf, sehe in die Augen der Sweatereidechse und blicke daraufhin das marmeladengroße Objekt im hellrosa Zeitungspapier an, das plötzlich vor mir liegt.

Bevor ich dazu komme, eine Reaktion zu zeigen, nickt mir der Mann schwach lächelnd zu und hebt die Hand zum Abschied. Während er seine Arme durch die Rucksacklaschen zwängt und mir den Rücken zukehrt, will ich noch Was soll das? in einem muffigen, unbeeindruckten Ton fragen, bringe aber keinen Laut hervor.

Schwupp, und schon bin ich wieder alleine, von einem Schlag auf den anderen. Wieder sind nur Schritte zu hören, die sich von mir entfernen, und ich nehme nur das rauschende Blut in meinen Ohren wahr. Dafür ist mir dieser eine Gegenstand geblieben.

Eigentlich ist das Unsinn; der Inhalt dieses Ding da vor mir und dessen vermeintlicher Zweck. Trotz meiner kritischen Haltung überlege ich.

Was macht mich glücklich?

Was könnte dort drinnen sein, das meine Meinung ändern würde?

Ich zögere, dann schiebt sich jedoch der Gedanke an die Absurdität wieder in den Vordergrund und ohne Erwartungen reiße ich rücksichtslos das Zeitungspapier ab.

Ich blicke auf das kleine Ding, das in dem Glas zu seien vermag.

Ich starre.

Ich zögere.

Ich schraube den Deckel ab, ziehe den Gegenstand heraus und

lächle.

1198

Florentina Stadlbauer