Eine Tasse voll Blumen

Sie, jung, im weißen Kleidchen, sitzt auf der Außenterasse des nicht mehr ganz so leeren Cafés. Die blonden Haare fallen wie ein Wasserfall über ihre Schultern. Völlig versunken liest sie ein Buch mit rotem Umschlag. Der Titel ist unleserlich. Nebenbei nippt sie hin und wieder an ihren Eistee, dabei stoßen die Eiswürfel ganz leise aneinander. Ihre Beine, die sie übereinander geschlagen hat, wippen zu einer Melodie, die nur sie zu hören scheint.

Sie entzückt ihn.

Dabei tut sie nicht einmal etwas Bestimmtes. Sie sitzt einfach nur da und liest ihr Buch. Beißt sich manchmal auf die Lippen. Streicht sich die Haare hinter das Ohr.

Er, ebenfalls jung, in Shorts und einem strahlend blauen T-Shirt, sitzt in der Nähe. Seine Rolex zeigt ihm, dass er bald gehen muss. Er trägt die Haare kurz, so wie es gerade Mode ist, und als er seine Sonnenbrille hochschiebt, kann man seine Augenfarbe nicht wirklich erkennen. Sie sind einfach, so wie er, immer ein wenig anders. Heute sind sie entzückt. Der frischgemahlene Kaffee, den er sich bestellt hat, ist ungeeingnet für dieses warme Wetter, trotzdem trinkt er entschlossen weiter. Sein Blick klebt an ihr. Schweift über über ihre gebräunten Beine, ihre Brüste, ihren langen Hals, ihre vollen Lippen. Sie nimmt einen weiteren Schluck ihres Eistees und die Eiswürfel klirren.

Sein Mund verzieht sich zu einem Lächeln. Er stet auf; will zu ihr gehen; sie anprechen; muss aber innehalten.

Der Kellner hat vor ihr eine Tasse abgestellt. Sie hatte hatte nichts bestellt. Verwundert blickt sie auf, doch der Keller lächelt sie nur freundlich an und meint, es sei von dem Herrn dort drüben, und deutet direkt auf ihn.

Sie dreht sich zu ihm um, immer noch völlig verwundert, und schaut sich dann die weiße Tasse genauer an. Dort ist kein Kaffee drin. Dort ist gar nichts zu trinken drin. Tausende kleine Blüten von verschiedenen kleinen Blumen in jeder erdenklichen Farbe füllen die kleine Tasse. Ihre Augen weiten sich noch mehr. Erneut sieht sie ihn an; lächelt schüchtern.

"Danke", haucht sie. Sie spricht nicht, so denkt er, sie haucht. Doch noch ist er zu überrascht, um zu antworten. Er starrt den Kellner an und versteht nicht. Warum hatte der Kellner das getan? Das ergibt in seinen Augen keinen Sinn, aber das Lächeln, mit dem sie nun die Tasse voller Blumen betrachtet, entzückt ihn nur noch mehr. Also zuckt er innerlich mit den Schultern, zwinkert dem Kellner zu und setzt sich selbstbewusst zu ihr an den Tisch.

Sie, immer noch sehr verwundert und doch angenehm überrascht, will mehr.

Will wissen, wieso er, der so überheblich dreinschaut, auf eine solch feinfühlige Geste kommt. Will sehen, wie er einen weichen Kern zum Vorschein bringt.

Solche Gesten war sie absolut nicht gewöhnt, hat also mit etwas Plumperem gerechnet. Sie hat sehr wohl gesehen, wie er aufgestanden war, mit einem zu selbstbewussten Lächeln im Gesicht und einem Blick, der es gewohnt war, immer das zu bekommen, was er wollte. Doch die Tasse voll Blumen überraschte sie. Die Blüten - so zart und bunt liegen sie in der Tasse. Erwartungsvoll sieht sie ihn an.

Der Verlauf des Gesprächs behagt ihr absolut nicht. Seine Blicke liegen die meiste Zeit unterhalb ihres Halses und seine Prahlereien sind kaum zu ertragen. Großspurig sitzt er nun vor ihr und erzählt von all seinen Reisen, zu den abenteuerlichsten Orten.

Sie ist enttäuscht. Wo ist der weiche Kern? Die Seite in ihm, die ihn zu dieser kleinen, aber unendlich schönen Geste getrieben hat?

Tapfer lächelt sie weiter. Wartet weiter.

Er sieht, wie sie einen weiteren Schluck ihres Eistees trinkt. Er muss sich beeilen, denn seine Uhr tickt unbarmherzig weiter. Also lächelt er sie verführerisch an und sieht ihr direkt in die Augen. Vergisst die Farbe dieser jedoch sofort wieder. " Gehen wir noch woanders hin? ", fragt er sie. Er darf keine Zeit verlieren, denn bald muss er wieder in das Flugzeug steigen, dass ihn an das andere Ende des Landes bringt.

Sie hat diesen Satz schon viel zu oft gehört. Weiß, was nun kommen würde, deshalb seufzt sie. Eigentlich will sie nicht. Doch ein Blick auf die Tasse voller Blüten, voller Farben, voller Leben, lässt Hoffnung in ihr wachsen. Vielleicht kommt das alles noch? Vielleicht braucht sie nur mehr Geduld. Sie seufzt erneut. Er sieht, wie sie freundlich lächelt, die Eiswürfel in ihrem Eistee klirren lässt, den letzten Schluck aus dem Glas nimmt und unverwandt den Blick auf ihn richtet. "Gerne", haucht sie. Das ist Musik in seinen Ohren. Er blickt noch mal auf ihre Brüste und voller Vorfreude ruft er den Kellner.

Schmallippig lächelt der Kellner ihm zu und gibt die Rechnung raus. Obwohl er nicht versteht, was der Kellner auf einmal hat - schließlich hat dieser ihm vorhin noch geholfen -, zahlt er und grinst den Kellner dabei unverfroren an. Als sie zusammen aufstehen und losgehen, legt er den Arm um ihre Hüfte. Ihr Lächeln wirkt etwas gezwungen, doch sie lässt es geschehen. Sie will immer noch mehr wissen, will immer noch warten, denkt dabei an die Tasse voll Blumen.

Im Café kommt der Kellner zu mir rüber und lächelt mich entschuldigend an.

"Es tut mir leid. Sie hat dich wohl nicht gesehen, aber die Idee war gut. "

Mein schiefer Mundwinkel drückt Bedauern aus. Ich hatte einen Tisch hinter ihm gesessen. Sie hat mich nicht hinter ihm, der aufgestanden war, gesehen. Leider.

Ich leere mein Glas, sehe den beiden noch kurz hinterher und sage dann beim Zahlen zum Kellner: " Sollte wohl nicht sein. Warum sie allerdings mit ihm mitgegangen ist, wundert mich sehr. Ich hatte sie für etwas klüger gehalten, immerhin hat sie mein Lieblingsbuch gelesen. "

Den Einband hatte ich schon von Weitem erkannt. Das verblichene Rot, die Schnörkeleien an der Seite, das Gleiche Exemplar habe ich auch auf meinem Nachttisch liegen. Enttäuscht sehe ich den Kellner noch ein letztes Mal an, zucke mit den Schultern und mache mich auf, um zu gehen. Mein Blick fällt auf die Tasse voll Blumen, die immer noch auf dem Tisch steht. Die gleiche Geste hat die Hauptperson in dem Buch gemacht. Ich gehe zum Tisch hin und nehme eine der winzigen, farbenfrohen Blüten in die Hand. Manchmal soll es eben nicht sein, denke ich, und bin froh, es zumindest versucht zu haben. Ich lasse die Blüte wieder in die Tasse fallen, winke dem Kellner zu und gehe.

Verschwinde, so wie alle anderen auch, in der Menge.

1608

Michelle Friedrich