Fenster

Ich stehe da, beobachte den kleinen Käfer.

Zum dritten Mal versuchen sich seine sechs Beinchen an der glatten Mauer. Vergeblich. Da liegt er, die Gliedmaßen verkrümmt von sich weggestreckt, zappelnd, hilflos.

Die Augen sind das Fenster zur Seele, heißt es.

Mein Blick richtet sich auf das trübe Glas vor mir. Eine feine Staubschicht erschwert mir den Blick nach draußen. Alles, was ich erkennen kann, sind die Konturen meines schmalen Gesichtes, die sich auf dem schmutzigen Glas abzeichnen.

Ich hatte immer dünne Lippen, eine kleine Nase… fast unscheinbar. Doch meine Augen – ein mattes Grau, farblos, und dennoch hatte mein Blick etwas Echtes, Starkes … etwas Lebendiges.

Dieses Etwas machte mich aus. Dieses Etwas blickte am Morgen in den Spiegel und strahlte mir entgegen. Dieses Etwas – das war Ich!

War ich glücklich, dann waren es meine Augen, die funkelten, die lachten, die mich leiteten, die Begegnungen suchten, mich Sonnenstrahlen finden ließen, mir den Regenbogen zeigten, mir die Schönheit der Welt erschlossen.

War ich niedergeschlagen, dann waren sie es, die mit mir litten, die mich Trost finden ließen, mich zur Hoffnung wiesen und für mich Tränen vergossen, bis das Leben wieder in vollem Glanz erstrahlte.

So leiteten mich meine Augen, verstanden es, mich widerzuspiegeln. Sie zeigten mir die Vielfalt, die Farbenpracht meiner Welt – mochte sie nach außen hin noch so eintönig erscheinen - und ließen mich wahrnehmen, wie Menschen um mich herum heranwuchsen, lebten und Ihre Wege verfolgten. Durch meine Augen erlebte ich die Natur mit all ihren Reichtümern, ihren Überraschungen, ihren Veränderungen, ihrer Mächtigkeit.

Besonders auf meinem eigenen Weg konnten sie mich leiten. So schuf ich meine Ziele, entdeckte neue Möglichkeiten, die es auszuschöpfen galt, und ich lebte diese Möglichkeiten, ja erfreute mich daran.

Ich wuchs, weil ich zum Wachsen bestimmt war. Immer höher, immer weiter, so lebte ich dahin, während meine Arme sich emporreckten und nach größeren Zielen griffen. Nach neuen Ideen. Zunächst Wünsche, dann Träume, Fantasien. Und ich holte sie mir, ich arbeitete hart, schuftete, fiel nieder, stand wieder auf, arbeitete weiter. Kein Berg war zu hoch für Mich!

immer weiter immer steiler immer höher

Ich strebte nach Besitz, nach Reichtum, nach höheren Positionen! Und so lief ich immer schneller. Rannte, sprintete, ließ alle hinter mir zurück, wollte nur nach vorne.

weiter immer weiter

Wozu die anderen? Ich hatte Mich! Mich – keiner konnte mithalten, keiner konnte Mich bremsen.

Fort, fort, an die Spitze!

Und plötzlich war ich oben. Ich erreichte den Gipfel. Den GIPFEL! Blickte hinab auf Millionen Seelen, ein Meer aus unscheinbaren, grauen Flecken irgendwo am Grund dieser unendlichen Tiefe. Weit weg.

Dann geschah es. Der Sturz. Und ich fiel. Fiel herab, sah all die Ziele, all die Wünsche an mir vorbeirauschen, ein Farbenmeer meiner selbst, ein Wirbelsturm aus Leben. Mein Kopf zerbarst, meine Gliedmaßen zerschmetterten, als ich unten aufschlug und liegen blieb, in den Scherben meiner Seele.

Ich konnte mich nicht bewegen, war gelähmt. Mein Körper war noch da, vielleicht unversehrt, doch hatte mich der Sturz zerbrechen lassen.

Die Augen sind das Fenster zur Seele, heißt es.

Ich trete einen Schritt näher an die Scheibe heran. Die Konturen meines Gesichtes verschärfen sich, ich kann nun jedes Detail erkennen. Die Lippen, die Nase, … Die angespannten Gesichtszüge, starr, kalt… Meine Haut, fahl wie blassgrauer Marmor, wo sich nichts bewegt und kein Zucken zu einem Ausdruck verhilft. Fast versteinert. Und meine Augen. Ein mattes Grau, farblos. Mein Blick hatte sich verloren. Da war nichts Echtes, nichts Starkes … nichts Lebendiges.

Ich staune! Die sechs Beinchen haben wieder den Boden erreicht. Kein weiterer Versuch hochzukrabbeln. Eine andere Richtung kommt ihm in den Sinn, ein neues Ziel, erreichbarer als das alte.

Ich stehe da, beobachte den kleinen Käfer.

Und sehe…

Mich.

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Stefanie Hauser