Fünf

Früher war meine Fantasie grenzenlos und die ganze Welt mein Spielplatz. Zumindest entnehme ich das den Zeichnungen in meinen Händen. Es sind die wirren Striche eines Kindes, die alles darstellen könnten. Aber sie erzählen ganz bestimmte Geschichten. Geschichten, die ich heute längst vergessen habe. Sinnlose Geschichten, die weit hergeholt und unlogisch sind. Aber so dachte ich nun einmal als kleines Mädchen. Die Wohnung verwandelte sich in ein verzaubertes Königreich, die Badewanne war ein magischer Feenteich, mein Bett ein Wolkenschloss, Stofftiere meine Angestellten und ich ihr Boss. Im tiefen Dickicht unserer Zimmerpflanze erforschte ich seltene Urwaldwesen, bekämpfte heldenhaft Monster mit Pappschild und Besen, reiste zu fernen Ländern mit der Lego-Eisenbahn und setzte meinem Teddy Honig aus Luft auf den Speiseplan. Der blanke Boden war eine Autorennstrecke und ich lud meine Gummitiere um Fünf zum Tee in die Zimmerecke. Ein weißer Papierflieger wurde zum gefährlichen Drachen und beschützte meine wertvollsten Sachen in einer Truhe. Ich hatte sie kunstvoll verziert, mit Pinsel und Farbe grellbunt beschmiert. Darin war nichts weiter als Buntstifte und mehrere Bogen weißes Papier. Diese simplen Dinge genügten mir, um aufzuzeichnen, was sich in den kindlichen Gedanken einer Fünfjährigen so alles angesammelt hatte. Die „Truhe“ ist nur eine banale Schachtel aus Pappe, die mir jetzt, nach zwanzig Jahren wieder in die Hände gefallen ist. Damals waren meine Ideen einfach, aber irgendwie auch brillant. Welcher Erwachsene käme schon auf die Idee, dass ein Teddybär das Reittier eines Dinosauriers sein könnte? Oder dass Quintus und Rosalia, ein unsichtbares Hasenpärchen, in einem Schuhkarton leben? In meiner Fantasie war immer alles erlaubt - anders als jetzt.

Und wenn es dann Nacht wurde, ging die Fantasie mit mir durch. Schatten! In jeder Ecke lagen sie, diese tiefschwarzen Schatten, diese unheimlichen, dunklen Schatten, die sich allesamt zu bewegen schienen. Sie formten lautlos Gestalten, kommunizierten stumm miteinander und berieten sich. Eine Schattenkonferenz. Wie konnten sie mich wohl am besten erschrecken? Dann kamen die Geister, Monster, Gespenster aus ihren Verstecken und rührten sich doch nicht. Erst in meinen Träumen erwachten sie zum Leben und griffen mit kalter Hand nach mir, lange, knochige Finger an sich windenden Armen und unförmigen Körpern. Auch diese Alpträume hatte ich auf das Papier gebannt. Und zwischen all den bemalten Blättern lag auch noch der Traumfänger, meine beste Abwehr gegen die immer wiederkehrenden, immer gleichen und immer abscheulicheren Traumgestalten. Sie alle gaben großartige Untiere und Feinde für Fantasy-Romane ab mit ihrem widerwärtigen Aussehen und abstoßenden Namen, die mein fünfjähriges Ich sich ausgedacht und darunter gekritzelt hatte. Stopp! Ich darf nicht wieder anfangen, in allem und jedem Stoff für eine Geschichte zu sehen! Das hat mich doch erst in die unglückliche Lage gebracht, aus der ich jetzt endlich heraußen bin!

Ein Blatt kommt zum Vorschein, auf dem wieder und wieder derselbe Stern zu sehen ist, gezeichnet ohne ein einziges Mal den Stift abzuheben. Heute würde ich Pentagramm dazu sagen, früher war es einfach nur der Zauberstern. Elf Versuche zähle ich, bis in der rechten, unteren Ecke ein gelungenes Exemplar mit dickem Filzstift nachgezogen, ausgemalt und künstlerisch umrahmt war. Früher hatte mich dieser kleine Erfolg derart mit Stolz erfüllt, dass er in fast allen folgenden Bildern auftaucht. Selbst auf die Fotos am Grund der Schachtel hatte ich ihn dazu gemalt. Irgendwann einmal war ich an all diesen Orten, die da abgelichtet sind, und mit wenigen Worten ist auf der Rückseite beschrieben, was ich dort erlebt hatte. Sie wirken wie Bilder aus einer anderen Welt, über die mein Stern Tag und Nacht Wache hält. Da meldet sich etwas von weit her, etwas Vertrautes. Mit gerunzelter Stirn starre ich auf den grauen Stein auf dem Foto – und da ist sie wieder! Die Idee von einem Drachenei! Jeder ginge daran vorbei, denn es sieht aus wie ein Stein und…

Nein! Ich muss damit aufhören! Wütend werfe ich die Schachtel in den Mistsack, der keine Minute später in einer der fünf Mülltonnen landet. Keine Erinnerungen mehr! Ich darf mir nicht noch einmal erlauben, mich in einem Gewirr aus Ideen und fantastischen Vorstellungen zu verheddern. Vor fünf Jahren hatte mir das nur Unglück gebracht. Und eine schmerzliche Enttäuschung, die mich gnadenlos aus meiner trügerischen Traumwelt auf den harten Boden der Tatsachen zurückgeholt hatte. Ich war so naiv! Die Welt ist nicht wie sie mir damals erschienen war, nicht bunt, nicht verzaubert, nicht wundersam. Ruf dir das ins Gedächtnis! , schreit eine Stimme in meinem Kopf. Seit damals ist sie immer da und bewahrt mich vor fantasievollen Dummheiten. Niemand wollte dir damals glauben, dass die Geschichte deiner eigenen Fantasie entsprungen war! Und prompt hattest du einen Prozess am Hals! Der hat dich ruiniert. Den hätte ich gewinnen können. Mit einem besseren Anwalt. Du warst Studentin! Du konntest dir keinen besseren Anwalt leisten! Und du hast dir versprochen, in Zukunft die Finger von solch schwachsinnigen Ideen wie Fantasie zu lassen!

Für mich war sie immer Teil meines Lebens, die Fantasie. Und ich habe meine eigenen Ideen liebend gern aufgeschrieben. Inspirierende Momente habe ich festgehalten, in Bildern, in Worten. Sie wurden von mir aufgesaugt wie von einem Schwamm mit all meinen Sinnen. Jeder Geschmack, jeder Geruch, jedes Gefühl, jedes Geräusch, jeder Eindruck – alles. Aber offensichtlich waren meine Einfälle nichts Besonderes. Jemand anderes hatte diese Ideen schon vor mir. Ich sollte keine eigenen Ideen haben, nur die von jemand anderes wertschätzen. Jede Idee existiert in irgendeiner Weise schon. Und daran erinnert mich täglich die Stimme in meinem Kopf, wenn ich Gefahr laufe, meine Gedanken schweifen zu lassen, meinen Geist der Fantasie hinzugeben. Keine Ideen werden mehr aufgeschrieben, keine fantasievollen Bilder mehr gemalt, keine Momente mehr festgehalten. Aber glücklich macht mich das nicht. Ich habe das Einzige aufgegeben, was ich gut konnte. Das Einzige, wovon ich gedacht habe, dass es mir keiner nehmen kann. Das Einzige, was mir nie langweilig geworden ist. – Ich habe den Geist aufgegeben.

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Veronika Hantschel