Helena

Es schneit ganz leise. Kein wilder Schneesturm, der mir die Haare zerzaust, nein, keine einzige Böe weht durch die gemütliche Einkaufsstraße von Ingwersdorf. Trotzdem ist keine Menschenseele zu sehen, denn es ist Sonntagvormittag und es ist eisig kalt. Alles, was hier sonntags geöffnet hat, ist mein Lieblingscafé, das jetzt aber hoffnungslos überfüllt sein dürfte, und dieses kleine Antiquariat, welches von einem kauzigen alten Mann geführt wird, der, so scheint es, jeden seiner Kunden abgrundtief hasst. Trotzdem muss ich hier noch eine halbe Stunde verbringen, bis ich mit Martin und Zia verabredet bin, vierzig Minuten, wenn man die Zeit mit einrechnet, die sie sich verspäten werden. Zitternd ziehe ich meinen viel zu dünnen Trenchcoat enger um mich. Bei dem Versuch, mich einigermaßen warm zu halten, gehe ich die Straße hinunter und schaue mir die weiße Winterwunderlandschaft an, in die der Schnee hier alles verwandelt hat. Die Welt ist von einer wunderschönen, weißen Schicht bedeckt, außer meinen gibt es auf dieser Straße keine Fußspuren. Langsam gehe ich weiter und bestaune die weihnachtliche Perfektion, in die der Schnee die mir allzu bekannte Straße taucht. Die geschlossenen Geschäfte um mich herum wirken verlassen. Die fast schon unheimliche Stille, die hier alles einhüllt, überrascht mich. Ich habe nie darüber nachgedacht, wie leise Schnee eigentlich ist.

Ein ungewohnter, grüner Fleck, der am Rand meines Blickfeldes aufgetaucht ist, reißt mich aus meinen Gedanken. Verwundert drehe ich mich um. Rechts von mir, dort, wo immer dieser kitschige Schuhladen gewesen ist, hat sich die Fassade verändert. Der verträumte, rosarote Anstrich ist einer kecken, minzig grünen Farbe gewichen, die etwas Mysteriöses an sich hat und außerdem einen tollen Kontrast zur rein weißen Schneedecke gibt. Über der Tür hängt ein großes Tante-Emma-Ladenschild, das in schwarzen Buchstaben „Helenas Wunderbäckerei“ verkündet. Auf einem kleineren Schild an der Türklinke steht in Großbuchstaben das Wort „geöffnet“. Die knallige Farbe und das Türschild vermitteln die Atmosphäre einer Mischung aus privater Kinderkrippe und teurem Hipsterladen, eingezwängt zwischen einem H&M und einer Apotheke, und wirkt dort irgendwie fehl am Platz. Unerklärlicherweise hat dieses Geschäft eine starke Anziehungskraft auf mich, was aber auch nur an der klirrend kalten Luft liegen kann, die von Minute zu Minute frostiger zu werden scheint. Der Schneefall hat stark zugenommen und es schneit jetzt keine großen, weißen Frau-Holle-Flocken mehr, sondern kleine eisige Kristalle, die mir auf Händen und Gesicht brennen. Auf einmal in Eile, renne ich auf die mintgrün lackierte Tür zu, reiße sie auf und befinde mich plötzlich in einem gemütlichen kleinen Raum mit Holzvertäfelungen an den Wänden. Das erste, was mir auffällt, ist die Wärme, die ich mit einem beglückten Seufzen registriere, das zweite der angenehme Geruch nach frisch gebackenen Plätzchen, der mir entgegenschlägt. Neugierig schaue ich mich um. Links von mir steht eine große Holztheke, auf der sich allerlei Backwaren neben einer geradezu antiken Registrierkasse aus Metall stapeln. Vom Duft nach Zimt, Mehl und Schokolade magisch angezogen gehe ich auf die Theke zu und betrachte sie näher. Dort stehen über zehn verschiedene Kekssorten, jeder Einzelne groß, rund und saftig, neben jedem Teller ein kleines violettes Preisschild. Daneben häufen sich Muffins und Cupcakes, schokoladig, cremig, mit Zuckerguss, Vanillezucker oder Blaubeeren und herrlichen Verzierungen. Als ich dann auch noch die Kuchen- und Tortenstücke sehe, Buttercreme, Früchtegelee, Schokolade, Marmelade… Unwillkürlich muss ich erneut seufzen. So muss der Himmel duften!

Hinter dem Tresen entdecke ich eine kleine Tafel, auf der mit Kreide eine Preisliste für Dinge wie Cappuccino und Salbei-Orangen-Tee angeführt ist, doch darauf habe ich jetzt gar keine Lust. Stattdessen kann ich nur die Backwaren vor mir anstarren. Neben den Leckereien steht eine altmodische Glocke, die ich kurz hebe und zweimal klingele. Das laute Ding-Ding hallt durch den Raum und lockt eine junge Frau mit neonblauer Schürze aus einer Tür, die anscheinend in die Küche führt, hinter den Tresen. „Hallo! “, begrüßt sie mich grinsend, „Ich bin Helena. Was wünschst du dir? “ Ich schaue die Frau überrascht an. Sie sieht überhaupt nicht aus wie die Art von Person, die so eine Backstube betreiben würde. Sie ist nicht die alte, mollige Bäckerin, die ich erwartet habe. Ihre rotblonden Locken sind zurückgebunden und ihr komplettes Gesicht mit Mehl eingestäubt. Ein grünes Paar Augen blitzt mich frech an. „Ähmm, ein Muffin bitte. Schokolade. “ Helena schaut mich verwundert an. „Nein, was WÜNSCHST du dir? “ Jetzt ist es an mir verwundert drein zu schauen. Mein Gegenüber deutet auf die kleinen Preiszettelchen, die jedes Produkt beschriften. Neben dem nächsten Keksteller steht in kursiver Handschrift: Zitronen-Ingwer Kekse: Kleiner Wunsch! 1, 80 € per Stück. Neben einem Stück Erdbeer-Buttercremetorte finde ich die Worte: Buttercremetorte mit Erdbeerrhabarbermousse: Großer Wunsch! 6, 50 € und bei besagtem Muffin steht: Schokomuffin mit Bananenstücken: Mittlerer Wunsch! 3, 70 €. Jetzt schaut Helena mich mit schiefgelegtem Kopf an und fragt neugierig: „Also, was ist es? Was wünschst du dir? Ruhm, Ehre, Spaß, Intelligenz, Abenteuer, Freundschaft, Geld, Geist, Liebe, eine Katze; was? Was wünschst du dir? “ „Äh, ein Muffin? “, frage ich. „Kein Muffin ohne Wunsch! “, zerstört sie all meine Hoffnungen. Ich seufze. „Keine Ahnung, ähm, Glück? Ich wünsche mir Glück. “ „In Ordnung! “, meint sie und tippt wie wild auf die Registrierkasse ein. Dann schreibt sie mir eine Rechnung – per Hand - und wartet geduldig, bis ich das letzte Kleingeld aus meiner Geldbörse geholt habe. Als ich Muffin und Rechnung entgegennehme und mich bedanke, lächelt Helena mir zu. „Komm öfters vorbei. Auch wenn du jetzt wunschlos glücklich sein magst, einen Wunsch kann man immer gebrauchen. “ Ich lächele zurück und beiße in mein Muffin. Es schmeckt, wie es aussieht: nach warmer Schokolade, Bananenstückchen und Glück. Einfach himmlisch! Immer noch kauend winke ich Helena zu und drehe mich um.

Als ich durch die Ladentür zurück ins Winterwunderland trete, schreckt mich der Whatsapp-Benachrichtigungston auf. Ich nehme das Muffin in die linke Hand und fische mein Handy aus der Jackentasche. Martin schreibt: „Wir sind jetzt beim Treffpunkt. Kommst du? LG M & Z“, mit einem Zwinker-Emoji. „Komme. “, antworte ich und wage nun endlich die zwei weiteren Schritte ins Schneegestöber. Zia und Martin stehen vor der geschlossenen Boutique, ich kann sie schon von weitem sehen. Schnell laufe ich auf sie zu und beiße noch ein Stück Schokoladenglasur ab. Vielleicht hat Helena ja recht, ihre Köstlichkeiten sind magisch und erfüllen Wünsche. Oder vielleicht reicht es, wenn etwas aus Schokolade besteht, und das Leben wird perfekt.

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Antonia Milla