Jaja, der Faust, dieser Hipster

Faust in seinem Studierzimmer. Mephistopheles erscheint.

 

Mephistopheles:

Grüß dich, will schon sagen, alter Freund!

Leg nieder dein Tagewerk,

hast wohl schon bemerkt,

dass ich nicht mit leeren Taschen heut

zu dir getreten,

will dir den Inhalt entblößen.

Siehst du den Glanz,

hörst du den Laut,

wenn die Münzen aneinander stoßen?

und mit Verlaub,

es würde deiner schmeicheln,

ein Hauch von Eleganz,

ein wenig Luxus wäre wohl verständlich,

sicherlich, zu viel wird zum Verhängnis,

aber könntest auch mal Klasse zeigen.

Drum lass dir von mir und meinen Münzen helfen.

 

Faust:

Ach Guter, grüß dich,

scheint mir recht lang her zu sein,

aber eine solche Pein

in diesem Ton,

brauch ich mir von einem Lumpenträger wie du es bist,

gewiss nicht anzuhören.

 

Mephistopheles:

Was soll ich denn tun?

Komme nicht in Puma Schuhen

und Nadelstreif,

abgesehen davon, dass diese Kombination

mehr nach Hipstertreffen schreit

und diesem beizuwohnen

wäre wohl des Teufels größtes Leid.

Auch keine Prada Schuh kann ich mir leisten,

sind mir doch die Händ gebunden,

bewundern darf ich sie von weitem,

doch nicht zu tragen,

würde nicht mehr ernst genommen,

jeder Respekt vor mir entronnen.

 

Faust:

Ich bitte dich,

beruhig dich wieder,

Respekt hat vor dir sowieso ein niemand.

Desweiter'n bilde ich mir ein,

Teil einer Lichtspielvorstellung gewesen zu sein,

in der behauptet,

dass der Teufel sehr wohl Prada trägt.

 

Mephistopheles:

Das war meine Tante, nur nebenbei erwähnt.

Doch alter Kollege,

bringt dies Gespräch auf andere Wege.

Nun sieh doch, was ich dir mitgebracht!

Reichtum, Gold, das Glück ist pur,

denn mit diesem Gelde nur

hast du lange ausgesorgt

und erfährst endlich, was es heißt

was du Trottel nach wie vor nicht weißt,

und zu wissen ist es dein größter Wunsch:

Was ist es, was die Welt im Innersten zusammenhält?

Geld.

 

Faust:

Sag mir, Lieber, hattest etwas zu viel Punsch?

Schere mich nicht über solch ein Leben,

zu wissen, zu erkennen ist mein Streben.

Sag mir, kannst du dies mit Münzen kaufen?

 

Mephistopheles:

Weiß nicht. Kauf dir was zum Saufen.

Sauf dich zu und du wirst sehen,

blau ist die Welt auch wunderschön.

Und was sie im Innersten zusammenhält,

hoffst du, dass sie weiterhält,

denn wenn dein Innerstes dir dann mal fehlt,

weil sich’s quer über’n Bürgersteig verteilt,

ist’s dir egal was im Innern hält,

Hauptsach: Es sich nicht quer im Magen stellt.

 

Faust:

Mitternächtliche Saufgelage

und darauf folgende Schamparade,

hab ich schon als Jugendsünde.

Brauch mich nicht nochmal erinnern.

 

Mephistopheles:

Doch dir mag es zum Bewusstsein treten,

was man dir sonst wohl kann verbieten,

wird mit Gelde schlicht ermöglicht

und die Möglichkeit erhöht sich,

alles mit Wert wird dir gehören

wirst keine Debatte mehr verlieren,

denn die Türen stehen dir offen,

Der Hopfen, das Kochen, das Zoffen,

Zu erreichen und gewinnen nur zu bequem.

 

Faust:

Langsam wird es schwer zu übersehen.

 

Mephistopheles:

Was?

 

Faust:

Dein Alkoholproblem.

 

Mephistopheles:

Das entspricht schlicht nicht der Wahrheit.

Doch lieber Freund verschaff dir Klarheit

über die Macht, die Chancen,

die dir dies Geld gewiss bringen mögen,

und durch den Erhalt von dies’ Vermögen

wagt es niemand, gegen Faust zu sprechen,

keine Ware, kein Gut,

welches wahrlich gut,

kann sich vor dir verstecken,

heilige Dreifaltigkeit,

moralische Gespaltenheit,

schön und her,

hin oder gut,

die Menschen werden knien

und es wird sich zeigen,

wie leicht zu steuern die Menschen doch bleiben,

wenn man Besitz und Habe ihnen verspricht.

 

Faust:

Und was mein Guter, oder eher Böser,

fang' ich an mit einer Macht wie dieser?

Und weiter wundert es mich gar

weshalb du trittst zu mir, solche Macht zu offenbaren,

so bin ich zwar Doktor, Philosoph und auch Jurist

doch nicht bemächtigt zu lenken den Menschen,

der wegen der Gier seinen Anstand vergisst.

 

Mephistopheles:

Weshalb ich zu dir getreten?

Die Antwort ist dir schnell gegeben,

bist doch Ikone der deutschen Literatur!

Und gehst du voran, vor Geldgier blind,

dauert es nicht lang, geschwind,

trotten alle Leser nach zu mir.

 

Faust:

Das Wort “Ikone” gefällt sicherlich,

in angenehmes Licht gerückt,

doch neugierig zu erfahren bin ich,

wer sind die “Leser”, von denen du sprichst?

 

Mephistopheles:

War dir das denn nicht bewusst, mein Alter?

Irgendso ein Literatur-Dilettant

der gehofft, er erscheint besonders wortgewandt,

hat dein Leid und Leben zu Papier gebracht,

nun haben alle Kinder deutscher Schulen das Vergnügen,

was weiß ich wer sich das ausgedacht

und du bleibst aus dem Lehrplan unvertrieben.

 

Faust:

Die Worte, die du an mich wendest,

sie schockieren! Kann kaum daran denken,

wie die armen Kinder mir bloß müssen lauschen,

hör doch! Man scheint in Reimen zu ersaufen,

was hab ich für ein seltsam Leiden,

kann bei keinem geraden Satz verbleiben!

Es schmerzt in Ohr und Seele.

 

Mephistopheles:

Drang jemals kein Reim aus deiner Kehle?

 

Faust:

Mephisto, bist nicht grade hilfreich sehr.

 

Mephistopheles:

Nichtmal normalen Satzbau beherrscht der Herr!

 

Faust:

Schluss jetzt! , sag ich.

 

Mephistopheles:

Warum denn? , frag ich.

 

Faust:

Kann keinen Reim mehr hören.

 

Mephistopheles:

Auf einmal fangt er an, sich daran zu stören.

 

Faust:

Das brennt im Kopf, wie Säure oder Lauge.

 

Mephistopheles:

Aber Reime zu dir passen wie die Faust aufs -

 

Faust:

Wage es ja nicht!

 

Kurze Stille

 

Faust:

Mich hat dies all nun übermannt.

 

Mephistopheles:

Kein Wunder, war dir alles unbekannt.

 

Faust:

Mephisto gib nun endlich Ruh!

 

Mephistopheles:

Zwing mich doch dazu!

 

Faust:

Mensch!

 

Kurze Stille

 

Mephistopheles (flüsternd):

Ränsch, Flensch, Klensch, Wensch

 

Stille

 

Mephistopheles (laut):

Verdammt!

 

Faust:

So sag mir lieber, was kann ich tun?

Wie dieser hochgestochenen Sprache entfliehen?

 

Mephistopheles:

Nun wahrlich magst du Recht behalten,

bist mit deinen Worten in der Ferne

doch pass dich an an die Moderne,

und lass den Zeitgeist deine Sprach gestalten.

 

Faust:

K, Lol.

 

Mephistopheles:

Das ist eine Antwort, die so kurz und knapp

und ohne Ach und Krach

dir von der Lippe,

doch dein geistig Niveau nun auf der Kippe.

 

Faust:

Alter, du musst mal deine Basis chillen!

Hab keinen Bock auf Beef mit dir,

Geh mit neuem Lebensstil nun vor die Tür,

bin jetzt Veganer, will keine Tiere killen,

Leb ohne Laktose und Gluten,

muss allen von meinem Healthy-Lifestyle erzählen,

brauch dein Geld nicht, bin gegen das System

Bau mein Essen selber an

selfmade, fair trade,

du musst verstehen,

bin back to the roots,

Karotten, Pastinaken einfach weil ich’s kann.

Und du, teuflischer Finanz-Erstreber

hinfort! Lese jetzt den Esoterikratgeber.

 

Faust ab.

 

Mephistopheles:

Das war nun weniger Sieg als mehr Versagen,

Scheint als hätte ihn der Zeitgeist erschlagen.

Kein Menschlein vermag ich in meinen Abgrund zu zwingen,

werde den Tag wohl wieder mit meiner Flamme verbringen.

1769

Viktoria Lutz