Kleingartengeflüster

Hinter dem Zaun ist das Gras immer grüner

Bäume sind höher und Blumen sind schöner

und irgendwo auf einem Dach

sitzt wohl ein Vögelchen und lacht

mich an

oder aus?

ich weiß es nicht genau

denn jedes Mal, wenn ich mich trau'

über den Zaun zu schau'n

seh' ich kein Vögelchen, kein Gras und keinen Baum

ich seh' kein Hügelchen, auf dem ein rosa Einhorn geht

mit lila Flügelchen, auf denen "nur wir beide" steht

ich seh' kein' Wald, kein Meer und keinen Strand

ich seh' kein Baumhaus, keine Herzen im Sand

und keine Nebelschwaden

die an Regentagen

die Welt in eine mystisch-düstere Stimmung hüllen

 

Ich seh' nur Träume und Gedanken

ungeträumt und unverstanden

eingesperrt in einem Schließfach auf der Bank

auf dem nur "Eines Tages…" steht

und dem es eigentlich ja nur um eine Frage geht:

wann?

ich weiß es nicht genau

denn jedes Mal, wenn ich mich trau'

in dieses Fach zu schau'n

seh' ich kein Tun, kein Denken, keinen Traum

ich seh' nur zu, wie dieses schwarze Loch

die Welt in sein Gewahrsam zieht

und manchmal frag' ich mich, ob doch

jemand das alles nicht so sparsam sieht

an Träumen lieber festhält

und dann eines Tages feststellt

dass alles, was hier drüben ist

in Wahrheit gar nicht übel ist

 

Denn jedes Mal, wenn ich mich trau'

auf diese Seite hier zu schau'n

dann seh' ich Kinder, seh' ich Männer, seh' ich Frau'n

dann seh' ich Menschen mit Geschichten

ihren eigenen Gedichten

(und manchmal auch mit Einhörnern)

und manchmal seh' ich nichts

denn dann mach ich meine Augen zu und spitze meine Ohr'n

um die Stimmen ganz tief drinnen in meinem Kopf zu hör'n

und irgendwo, ganz leise, klingt ein Lied

vertonte Zauberworte, die

im Tiefsten ihrer Melodie

Gedanken schweben lassen

 

Hinter dem Zaun ist das Gras immer grüner

alles ist besser und alles ist schöner

und vielleicht lieg' ich falsch oder seh' nicht ganz recht

aber eigentlich ist es hier ja auch nicht so schlecht.

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Katharina Wünsche