Kopf oder Zahl

Eisiger Winterwind umweht mich, sodass die mächtigen Bäume um mich zittern. Auf einer morschen Holzbank sitzend umklammere ich ein glühend heißes Goldstück, während ich geduldig warte. Hinter mir steht eine Eiche. Schwarz. Verkohlt. Regungslos. Der einschüchternde Baum ist Teil einer endlosscheinenden Allee. Ich blicke nach links und rechts, kann aber nur einen wild wehenden Schleier aus Schneeflocken erkennen. Niemand sonst ist zu sehen. Noch nicht. Ich öffne meine Faust und betrachte die Münze. Erinnere mich. Erinnere mich an einen sommerlichen Herbsttag. Erinnere mich an eine damals noch gelborange Eiche. Erinnere mich an einen Mann, der sich selbst vergessen hat.

Ich öffnete meine Augen. Orange. Rot. Gelb. Braun. Die von Tränen verschwommenen Farben flossen langsam zusammen und ließen ein klares Bild erscheinen. Eine bunte Eichenbaumkrone. Das Bild kam mir unheimlich bekannt vor. Beunruhigt senkte ich meinen noch immer leicht brennenden Kopf. Mir gegenüber saß ein graumelierter Anzugmann. Das einzige was uns trennte war ein verwitterter Holztisch. Dieser war jedoch unter der Blätterdecke nur mehr schwer auszumachen. Ich erinnerte mich. Mein Geschäftspartner. Er hatte unser Treffen unbedingt in diesem Park unter der Eiche stattfinden lassen wollen. Sein Vorwand war, dass über Moneten nicht nur in der Bank geredet werden solle. Da hatten wir also gesessen und hatten uns über wichtige Themen unterhalten. Aktien. Inflation. Deflation. Kapitale. Börsenkurse. Und Investitionen. Glaubte ich jedenfalls. „Wollen wir unser Spiel fortführen? Wenn Sie gewinnen, investiere ich in Ihren Betrieb und zahle Ihnen gerne noch eine ordentliche Summe als Preisgeld oben drauf. “, bot er mir grinsend an. Verlegen darüber, dass ich nicht verstand, wovon er sprach, blickte ich ihn mit schief gelegtem Kopf an. Daraufhin öffnete er seine Faust und zum Vorschein kam eine glänzende Münze. „Ich helfe Ihnen auf die Sprünge: Kopf oder Zahl? “

Während ich über eine Antwort nachdachte, regnete es warme Farben von der Eiche. Der Anzugmann wirbelte unterdessen seine Goldmünze selbstgefällig durch die Finger. Mir kam alles so bekannt vor. Der Mann. Die Münze. Selbst die Eiche. Aber dies war nun unwichtig. Er bot mir Geld. Ich brauchte Geld. Also sprach ich das Wort aus, das mir zuerst in den Sinn kam: „Zahl. “

Münze.

Münze und Drehung.

Drehung und Fallen.

Fallen und Aufprall.

Kopf.

„Sie haben schon wieder verloren“, sprach der Anzugmann vorlaut. „Wenn Sie so weiterspielen, können Sie Ihre Kohle vergessen! “ Er lachte. Doch dieses verklang sogleich in der aufkommenden Schwärze.

 

Stilles Schwarz. Aber nicht ganz leer. Da war noch etwas anderes. Ein Säuseln. Ein Wispern. Ich verstand die Sprache nicht, dennoch kam sie mir bekannt vor. Plötzlich. Ein Schrei. Mein Schrei. Glühen. Brennen. Sengen. Ich versuchte an etwas festzuhalten. In meinem Kopf. Aber es war zu spät. Was übrig blieb, war Asche.

Ich öffnete meine Augen. Ein bunter Blättervorhang hing über mir. Hin und wieder löste sich ein Teil davon und tanzte sterbend zu Boden. Kraftlos sah ich mich um. Allee. Eiche. Anzugmann. Goldmünze. „Lust auf noch eine Runde? Wenn Sie gewinnen, bekommen Sie eine ordentliche Summe von mir ausgezahlt“, kam es aus dem Mund des Anzugmannes. Noch eine Runde? Wie viele Runden waren denn schon vergangen? Ich wollte aufstehen und gehen, aber ich kannte weder diesen Ort, noch konnte ich mich an meine Adresse erinnern. Ich versuchte zurückzudenken. Erfolglos. Alles, was in meinem Kopf herumschwirrte, waren Zahlen, die ich ihrer Bestimmung nicht zuordnen konnte. Es fühlte sich so an als wären meine Erinnerungen verblasst und alles was übrig blieb waren bedeutungslose Zahlen. Ich blickte dem Mann misstrauisch in die Augen und bemerkte von einem Augenblick auf den anderen die um mich herrschende Hitze. Es war, als würde die Temperatur um uns herum mit jedem fallenden Blatt der Eiche steigen. Die Lippen des Mannes begannen erneut Worte zu formen: „Kopf oder Zahl? “ Ich kannte die Frage. Genauso wie die Münze des Mannes. Wusste aber nicht, was er im Gegenzug von mir forderte. Geld? Ich hatte keine Zeit zum Nachdenken. Ich wollte nur das mir angebotene Geld. Und nachdem in meinem Kopf nichts mehr übrig geblieben war als Zahlen, sagte ich langsam meine Antwort: „Zahl. “

Münze.

Münze und Drehung.

Drehung und Fallen.

Fallen und Aufprall.

Kopf.

„Und noch eine Niederlage. “, provozierte mich der Anzugmann. „Ich dachte, ein Geschäftsmann wie Sie weiß mit Geld umzugehen. “ Der Mann begann erneut über sich selbst zu lachen, doch dieses verstummte, sobald mich eine mir vertraute Schwärze verschlang.

 

Stilles Schwarz. Aber nicht ganz leer. Da war noch etwas anderes. Ein Säuseln. Ein Wispern. Ich verstand die Sprache nicht, dennoch kam sie mir bekannt vor. Plötzlich. Ein Schrei. Mein Schrei. Glühen. Brennen. Sengen. Ich versuche an etwas festzuhalten. In meinem Kopf. Aber es war zu spät. Was übrig blieb, war Asche.

Ich öffnete meine Augen. Über mir eine kahle Baumkrone. Auf einmal überrollte mich eine gewaltige Hitzewelle. Schwer atmend und panisch sah ich mich in der glühenden Umgebung um. Allee. Blätterloser Baum. Anzugmann. Münze. Zu spät bemerkte ich, was mit mir hier eigentlich passierte. Ich war gefangen. Gefangen in einem Teufelskreis in dem es schon lange nicht mehr um Geld und Investitionen ging. Um zu entkommen, musste ich um jeden Preis weiterspielen. Plötzlich. Eine andere Wärme. In mir drinnen. Mit jedem Atemzug wuchs die Flamme in mir. Zornig begann ich den Mann anzuschreien: „Ich weiß nicht, welches Spiel Sie hier mit mir spielen, aber ich verlange alles, absolut alles, was Sie mir genommen haben, zurück! “ Wutentbrannt riss ich ihm das Goldstück aus der Hand und wartete ungeduldig auf seine Frage: „Kopf oder Zahl? “ Die Münze schien aufgrund ihrer ausgehenden Wärme mit meiner Handfläche zu verschmelzen. Schnell rief ich das Wort aus, von dem ich wusste, dass mein ganzes Leben davon abhing: „Kopf! “ Die Zeit und mein Herz schienen still zu stehen, als die Münze ein letztes Mal durch die heiße Luft flog.

Münze.

Münze und Drehung.

Drehung und Fallen.

Fallen und Aufprall.

Zahl.

Ich schloss meine Augen.

 

Stilles Schwarz. Aber nicht ganz leer. Da war noch etwas anderes. Mein Tribut an den Anzugmann. Meine letzte Erinnerung. Eine junge Frau. Und in ihren Armen jeweils ein Kind. Meine Frau. Meine Kinder. Funken stiegen in die Luft. Kleine Flammen folgten ihnen und brannten ein orangefarbenes Bild auf meine Netzhaut. Plötzlich. Ein Schrei. Ihr Schrei. Lange und gequält. Die Flammen umtanzten sie und wollten sie verschlingen. Aber ich konnte nichts tun. Nicht schreien. Nicht weinen. Nicht helfen. Nur zusehen, während sie alle Feuer fingen. Meine Kinder weinten, doch ihre Tränen verdunsteten in der unbarmherzigen Hitze. Und dann. Und dann war es still. Bis auf ein Säuseln und Wispern der Flammen. Was übrig blieb, war Asche.

Eisiger Winterwind umweht mich, sodass die mächtigen Bäume um mich zittern. Alle bis auf die schwarze Eiche hinter mir. Ich habe meinen Blick nicht von der Münze abgewendet. Emotionslos starre ich auf den Wert des Goldstückes. Wert. Was war mir wert im Leben? Die goldenen Dinge. Die käuflichen Dinge. Die falschen Dinge. Gespielt mit dem Feuer. Verbrannt an dem Feuer. Eine Aufgabe.

Langsam hebe ich meinen Blick und sehe in die ängstlichen und verstörten Augen eines jungen Mannes. Lächelnd frage ich: „Lust auf ein Spiel? Kopf oder Zahl? “

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Sebastian Berchtold