Mein Geist im Schloss

Ich schlang die Arme um meinen Körper. Es war Mitte Jänner und eisig kalt. Der Wind zerrte an meinen Haaren und der Pferdeschwanz, den ich mir schnell zu Hause gemacht hatte, begann sich zu lösen. Ich trat von einem Bein auf das andere. Mittlerweile stand ich sicher schon eine halbe Stunde vor dem verfallenen Schloss. Ich wirbelte herum, weil ich mir sicher war, etwas gehört zu haben, doch da war niemand. Natürlich nicht, niemand, der auch nur halbwegs bei Verstand war, würde sich nachts um halb zwei auch nur in die Nähe von Library Castle begeben.

Mein Blick glitt wieder zu dem großen Tor, das hoheitsvoll schief in den Angeln hing. Es gab nun zwei Möglichkeiten. Ich konnte jetzt weiter hier in der Eiseskälte herumstehen und mir merkwürdige Verfolger imaginieren oder endlich in das vielleicht nicht unbedingt warme Schloss gehen und das tun, wofür ich den weiten Weg auf mich genommen hatte. Und in Ermangelung einer besseren Alternative entschloss ich mich nun doch dazu, das Tor zu öffnen und in das unheimliche Schloss einzutreten.

Verrückt, das wäre wohl die passende Beschreibung für das, was ich gerade tat. Ich sollte wohl noch anmerken, dass ich nicht nur Marily Forbes war, die tollpatschigste und chaotischste Schülerin der Abschlussklasse, sondern auch enger mit diesem Schloss verbunden, als mir eigentlich lieb war.

Ich stand nun mitten in der alten, ehrwürdigen Eingangshalle. Irgendwie schade, was daraus geworden war. Aber ich ging weiter, ohne mir allzu viele Gedanken zu machen, denn dann hätte ich vielleicht doch meine Beine in die Hand genommen und wäre weggelaufen. Ich stieg so schnell es mir möglich war, die Stufen zur Empore hinauf und erreichte schneller als eigentlich gewollt mein Ziel.

Eine Tür, die ungefähr genauso schief lag wie das Eingangstor. Ich war mir im Klaren, dass - wenn ich lange zögerte - ich es nie tun würde, und aus diesem Grund drehte ich den altertümlichen Knauf zur Seite und öffnete die Tür mit einem lauten Quietschen.

Ich trat einen Schritt hinein. Und noch einen. „Hallo? “ Meine Stimme klang zum Glück nicht so verunsichert, wie ich mich fühlte. „Caden, ich weiß, dass du da bist? ! “ Meine Stimme klang flehentlich. „Caden“, wiederholte ich nochmals. Ein Windhauch strich über meine Wange, die zerlöcherten Vorhänge flatterten. Ich drehte mich langsam um. „Netter Trick. “

Caden lehnte im Türrahmen. Seine lockigen braunen Haare standen wie immer leicht durchsichtig in alle Richtungen ab. Die Stoffhose hatte wie gewöhnlich ein Loch an seinem rechten Knie und das Hemd war einen Knopf zu weit geöffnet. Für einen Geist sah er wirklich gut aus, das musste ich zugeben.

„Hätte nicht gedacht, dass ich dich nochmal zu Gesicht bekommen würde, kleine Marily“, meinte er, stieß sich vom Rahmen ab und kam einen Schritt auf mich zu. Er griff nach meiner Hand, doch er glitt mit seinen blassen Fingern durch sie hindurch, was ihn sichtlich ärgerte. „Wo bist du nur gewesen? “, sagte er. Seine Stimme klang hohl. Ich konnte nur in seine blassblauen Augen sehen, die mehr als nur ein wenig verletzt aussahen. „Du verstehst nicht, ich bin…, ich konnte nicht…“ Ich brach ab.

„Was? ! “, schleuderte er mir entgegen. Jetzt funkelten mich seine Augen an, aber anstatt selbst Wut oder Schuldgefühle zu empfinden, breitete sich ein Lächeln auf meinen Lippen aus. „Du hast dich nicht verändert, Caden. “ Er runzelte seine Stirn und verstand offenbar nicht. Ich strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und begann zu reden, in ganzen Sätzen wohlgemerkt: „Es war ziemlich genau vor drei Jahren. Meine Eltern hatten mich und meinen Bruder damit überrascht, dass wir umziehen sollten. Alles war schon gepackt und… und ich konnte mich nicht mehr von dir verabschieden. Es tut mir so leid. “ Ich blickte auf meine Finger hinunter und bemerkte, dass nicht nur meine Stimme gezittert hatte.

„Jeden verdammten Tag habe ich auf dich gewartet. Ich war mir sicher, dass dir etwas zugestoßen ist. “ Ich zuckte zusammen und biss mir auf die Lippe. Ich starrte auf meine Schuhe, weil ich es nicht ertrug ihn direkt anzusehen. Mir war bewusst, dass es nicht in Ordnung gewesen war, meinen Kindheitsfreund einfach im Stich zu lassen. Ich räusperte mich, wusste aber nicht, was ich sagen sollte.

„Und warum bist du wieder da? “ Seine Worte waren so scharf, dass sie förmlich die Luft zerschnitten. Ich überlegte, wie ich es formulieren sollte, sprach es dann aber einfach aus: „Das Schloss gehört jetzt mir. “ Ich versuchte es beiläufig klingen zu lassen, aber das gelang mir nicht so recht. Ich sah auf und blickte in sein erstauntes Gesicht. „Aber, wie alt bist du denn, knapp sechzehn? “, fragte er verwirrt. Ich lächelte kurz. „Seit drei Tagen achtzehn. “ Er runzelte leicht die Stirn. „Happy Birthday, irgendwie habe ich das Gefühl, dass Zeit für einen Geist keine Rolle spielt. “ Ich zuckte nur mit den Schultern. „Meine Eltern haben mir das Schloss zu meinem Geburtstag geschenkt. Ich habe es bekommen, um das Grundstück zu verkaufen und mir mein Studium finanzieren zu können. “

„Und warum bist du dann wieder hier? “

„Naja, das ist schon eine komische Sache. Meine Eltern haben mir nicht nur die Schenkungspapiere überreicht, sondern auch den vorbereiteten Kaufvertrag des möglichen neuen Besitzers, den ich nur noch unterzeichnen müsste. Aber ich…, ich konnte nicht, ich musste dich noch einmal sehen. Und ich weiß verdammt nochmal nicht, was ich jetzt tun soll, immerhin warst du früher mal mein bester Freund. Und wenn das Schloss dann abgerissen wird, dann wärst du vielleicht…“ Ich brachte es nicht über mich, den Satz zu vollenden.

Anstatt zu sagen, dass ich es nicht verkaufen solle, wie ich reagiert hätte, wäre ich an seiner Stelle gewesen, meinte er nur locker: „Was für ein Studium? “

„Ein Tanzstudium, an der Akademie hier in der Nähe. “

„Tanzt du noch immer so gut wie früher? “, wollte Caden wissen.

Ich dachte an die vielen Momente, in denen ich im Schloss geübt hatte, mit meinem Geist als heimlichem Zuschauer. „Besser“, sagte ich nur, denn seit ich weggezogen war, hatte ich so gut wie jeden Tag geübt. „Und ein Stipendium? “, fragte er nur. In meinem Kopf begann es zu rattern. Das war überhaupt die Idee! Meine Noten waren gut, ich hatte zahlreiche Wettbewerbe gewonnen und laut meinen Lehrern großes Talent.

„Caden, du bist genial. Ich weiß, dass ich das schaffen kann. “

Wir sahen uns in die Augen und es war klar, dass das der Beginn einer noch viel tieferen Freundschaft war. Mein Geist und ich hatten dieses Problem gelöst. Ich war glücklich und sah, dass es ihm genauso ging. Denn in Wahrheit kann keine Summe der Welt meinen Geist ersetzen.

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Nathalie Schultes