nach( t) denken

Er blickte aus dem Fenster während es unter ihm ratterte und die U2 sich mit dem typischen ü-geräusch durch die Tunnel Wiens grub. Es war spät, aber noch nicht zu spät um das Haus für das Nachtleben zu verlassen. Er war am Karlsplatz von der U1 in die U2 umgestiegen, erst jetzt merkte er, dass dies ein Fehler seines schon leicht benebelten Hirns gewesen sein musste. Wäre er einige Stationen mit der roten Linie weiter gefahren hätte er sich das Umsteigen sparen können, aber was soll’s? Die Eltern waren ja sowieso schon angelogen und er hatte Zeit. Außerdem hätte er dann sicher nicht mehr das schöne Ambiente der Karlsplatzer Ubahnstation mitbekommen, in dem er sich immer verläuft, egal wo er aussteigt und egal wo er hin möchte.

Er sah wieder aus dem Fenster, eigentlich wirklich ohne Grund, denn er saß gegen die Fahrtrichtung mit der linken Schulter zeigend zur Wand, sprich: Er starrte während der gesamten Fahrt schon auf die vorbeiziehenden Werbereklamen und die dunkelgrauschwarzschmutzige Wand mit den kleinen Schildern, die die Stationen verrieten. Nicht ein einziges Mal wagte er es auch in die andere Richtung zu sehen. Seine leicht paranoiden Gedanken zwangen ihn dazu kein Auge auch nur in die Richtung der anderen Fahrgäste zu werfen.

Er stieg trotz des Umwegs bei der richtige Station aus und Euphorie begann langsam in ihm aufzukochen. Euphorie? Adrenalin? Testosteron? Wer weiß welche Hormone da alles mitgespielt haben. Die Freude ließ er sich aber nicht anmerken. Er starrte auf den Boden beim Gehen. Keinen ansehen, sie würden es alle merken. Genauso fuhr er die Rolltreppe hoch, ohne nach oben zu sehen. Eine Frau Mitte 60, die weiter abseits stand, und nur durch einen unangenehmen Zufall zu so später Stunde noch mit den Öffentlichen fuhr, schüttelte ihren Kopf, wie ängstliche Leute, die ärgerlich wirken wollen es nun mal tun und zog ihre Tasche etwas näher an ihren Körper.

Er kontrollierte seine Jackentaschen. Da war er, der Geldschein. Neben allmöglichem Kram, das typischen Taschenzeugs eben, über dass man halt nicht spricht. Angeschneutzte Taschentücher, eine zerfallene Packung Kaugummi und einen Fahrschein, immer unbenutzt parat, zum Lügen dass man vergessen hätte zu Zwicken. Er zog den Geldschein in seine Hand und umwickelte ihn mit seinem Zeigefinger um den Mittelfinger herum. Was für ein Glück dass dieser Schein noch da war, anderes Geld hatte er nicht mit und schon gar nicht zu Hause und jedes Mal in diesem Zustand hat er Angst diverse Gegenstände in Wien zu verstreuen und nie mehr wieder zu finden.

Er ging durch die Ubahnstation, den Schein immer noch wuzelnd, weiter durch die beleuchtete Halle. Da waren ein Polizist und eine Polizistin, lehnend, ihrem Beruf nicht nachgehend. Quasi nur die Alibi Beamten, die Leuten wie der Dame von der Rolltreppe ein besseres Gefühl geben sollten, so wie Lampen im Keller. Es ändert nichts an der Tatsache, dass der Keller noch immer ein gruseliger Ort ist. Nun schmiegte er den Schein aneinander, ließ ihn knistern, rieb das Ende an den Anfang. Die Bäckerei und die Trafik hatten schon zu.

Er nahm tief Luft als er die Station verließ und endlich draußen war. Die lange Ubahnfahrt ließ ihn sein Zeitgefühl verlieren. Die Lichter der Taxis zogen draußen vorbei, irgendwo fuhr ein Bus. Der Weg führte ihn aber ein bisschen abseits von der Straße. Vorbei an den Bushaltestationen, wo schon nervös gepfiffen wurde, nach hinten zu den finsteren Fahrradständern. Ein paar Leuten auf dem Weg seltsam in die Augen gesehen und schon stand vor ihm jemand der seiner Schätzung nach Bosnier gewesen sein musste, aber er war in Wahrheit Armenier. Kurzer Smalltalk, „ja komme jetzt öfters“, „ne hab leider kein Handy“, „ne keine Nummer“, weitere Lügen, falscher Name, Geldschein weg, um die Ecke warten, ein Säckchen voll mit dem Wert des Geldscheins bekommen, geheime Übergabe, verabschieden, weitergehen.

Er flanierte geradeaus weiter. Nun war für heute nichts mehr geplant, aber ohne Geld kommt man ja wie bekannt nicht weit und in einen Club wollte er alleine nicht gehen. Ziellos schlenderte er die Allee entlang, die sich fast endlos menschenleer vor ihm aufmachte. Die Bäume waren kahl, aber für eine November Nacht war es noch recht warm. Als ob der Wettermann, ein bisschen Hoffnung vor dem ewigen Winter schicken wollte. Eine Parkbank stand vor ihm, aus braunem Laub hervorstechend und er entschloss sich für eine Weile zu entspannen.

Er fühlte das Päckchen und wurde dann aber von etwas Unerwartetem gestört. Sein Handy in der Hosentasche vibrierte.

Sofort kontrollierte er den Bildschirm.

0: 40. -„Ich vermisse dich“

Nur Einsame, Verliebte oder Betrunkene schreiben noch zu so einer Uhrzeit.

Betrunken, verliebt und einsam, oder eine Mischung von allem.

Hastig griff zurück in seine Tasche, suchte nach dem Plastikpäckchen, zog es heraus, starrte es an. Er überlegte lange, über etwas wovon nur er selber wusste, was es war. Er überlegte lange und verstand den Sinn noch immer nicht ganz, er wusste nur, dass es das einzig Richtige war. Dann ließ er das Päckchen zu Boden fallen, vergrub es mit den Füßen unter den Blättern. Geld kann einem doch nicht die Glücklichkeit erkaufen. Egal mit welchen Mitteln man es versucht. Man muss trotzdem nach ihr suchen, sie finden, sie sich hart erarbeiten. Das mit dem Glück ist schwer zu verstehen.

Er sprang auf, fühlte sich so nüchtern und energiegeladen wie schon seit Langem nicht mehr. Er rannte zurück zur Station, dieses mal zu den Straßenbahnen, der Weg ging doch woanders hin und die Nacht wird nicht ein trauriges verschwommenes Erlebnis bleiben. Er wartete 7 endlose Minuten auf die Bim, stieg ein, schmiss sich auf einen dieser alten Holzsitze, sah einer Frau im Wagon hinterher und als sie sich umdrehte, blickte er ihr direkt in die Augen. Danach öffnete er den Chat.

0: 40- „Ich vermisse dich“

0: 48- „Ich dich auch, lass uns doch gemeinsam einander vermissen. “

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Pia Semorad