Post-its

Sie hatte vergessen, wie lange sie hier schon in der Küche am Fenster saß. Am Horizont ging bereits die Sonne auf und tauchte den Himmel in malerische Farben. Einzig das mintgrüne Post-it auf der Fensterscheibe störte das Bild.

Versonnen blätterte sie die nächste Seite im Fotoalbum um. Im Hintergrund lief ihr Lieblingslied von ABBA in Dauerschleife. Unentwegt dudelte es: „Money, money, money, must be funny, in the rich man‘s world“. Begleitet von der Musik versank sie in den Augenblicken ihres Lebens, die in der Erinnerung funkelten. Der erste Schultag, das erste Mal geflogen, das erste Mal das Meer gesehen, der erste Freund.

Schwerfällig erhob sie sich schließlich und strich ihren Morgenmantel aus Satin glatt. Man merkte ihr das höhere Alter durchaus an, aber sie gehörte noch lange nicht zum alten Eisen. Unsicher blickte sie sich in der noch düsteren Küche um. Das zitronenfaltergelbe Post-it mit der Aufschrift „Lichtschalter" half ihrem Geist auf die Sprünge.

Sie wollte gerade Lachs und Trüffelkäse für das Frühstück aus dem Kühlschrank holen, da läutete es an der Haustür. Sie wunderte sich zwar über den Besuch zu so früher Stunde, beeilte sich aber dennoch, zur Tür zu kommen. Das schweinchenrosa Post-it, auf dem in großen Lettern „Kühlschranktür schließen! “ geschrieben stand, blieb unbeachtet.

Als sie die Haustür öffnete, stand ihr eine wildfremde Frau gegenüber. Sie wollte die Tür schon wieder zuschlagen – sie mochte keine Fremden im Haus – doch darauf war die Frau offensichtlich vorbereitet. Mit zwei schnellen Schritten war sie im Haus, grüßte herzlich und begann sich zuerst um das Haus und dann um die Hausherrin zu kümmern.

Sich noch immer über den Besuch der Fremden wundernd, kehrte sie zu ihrem Platz am Küchentisch zurück. Sie nahm das Fotoalbum erneut zur Hand und blätterte darin. Der erste Schultag, das erste Mal geflogen, das erste Mal das Meer gesehen, der erste Freund. Der erste Freund, das erste Mal das Meer gesehen, das erste Mal geflogen, der erste Schultag. Doch so oft sie auch hin und her blätterte, die letzten Seiten des Albums blieben leer. Sie waren farblos, wie das Vergessen.

Sie hatte vergessen, wie alles begonnen hatte, wie die Krankheit von ihrem Geist Besitz ergriffen hatte.

Sie hatte vergessen, dass ihre Freunde sie verlassen hatten, weil sie nicht mitansehen wollten, wie es mit ihr bergab ging.

Sie hatte vergessen, wieso im ganzen Haus Post-its klebten, dass diese ihr einziger Rettungsanker im tiefen Ozean des Vergessens waren.

Sie hatte vergessen, dass sie so Vieles vergessen hatte.

Erst als die Fremde zu ihr herantrat und sich ebenfalls an den Küchentisch setzte, wurde ihr wieder bewusst, dass sie Besuch hatte. Die Fremde schob das Fotoalbum, das durch ein mintgrünes Post-it als ebensolches beschriftet war, auf die Seite und reichte ihr stattdessen eine Tasse Kaffee, die sie sogleich gierig zu löffeln begann.

Sie war nur einen kurzen Moment unaufmerksam, aber dieser reichte aus, dass sich ein Tropfen vom Löffel löste und auf das geöffnete Fotoalbum neben ihr tropfte. An der Stelle, an der der Kaffee die leere Seite küsste, färbte sich das farblose Papier braun.

Sie hatte vergessen, dass sie so Vieles vergessen hatte, aber es gab auch helle Momente, wie diesen. Denn auf einmal wusste sie, dass da keine Fremde mit ihr am Küchentisch saß. Sie stand auf und fiel ihrer Tochter um den Hals.

Einige Sekunden lang verharrte sie in dieser innigen Umarmung, umgeben von mintgrünen, zitronenfaltergelben und schweinchenrosa Post-its und dem sich wiederholenden „Money, money, money, must be funny, in the rich man‘s world“.

Sie hatte vergessen, wieso sie plötzlich so glücklich war. Aber sie war glücklich und nur das zählte.

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Anna Weinkamer