Schneeengel im Beton

Heulende Reifen, helle, die Nacht durchdringende Scheinwerfer. Zusammengekniffenen Augen, zu schmalen Schlitzen verzogen. Sein Name aus meinem Mund, der die Nacht durchschneidet wie ein Diamant einen gewöhnlichen Stein. Ein grässliches Surren, ein ohrenbetäubendes Quietschen. Schwarze Augen, weit aufgerissen. Ein Schrei. Sein Schrei.

Schmerz. Kalter, eiskalter Schmerz.

Mein Schrei.

Sein Schrei.

 

Schaudernd reiße ich mich los, versuche, die Bilder in meinem Kopf loszuwerden, sie nie wieder, nie nie wieder zu sehen. Balle die Hände zu Fäusten zusammen, verbanne die Erinnerungen. Geht weg, geht weg, verschwindet …. Zittrig hole ich tief Luft und atme einmal aus. Langsam klärt sich der schwere Nebel in meinem Gehirn. Stück für Stück weicht er meiner Willenskraft bis er fast weg ist und nur ein paar zarte Schleier verbleiben. Ich blicke zu meinen Füßen hinunter und konzentriere mich auf meine Schritte in den abgenutzten, schwarzen Schuhen. Ein Fuß vor den anderen, langsam, beständig.

Mit der Gleichmäßigkeit der Bewegung entspannt sich mein Körper. Immer immer weiter gehe ich, nicht darauf achtend, wohin. Das ist egal. Nur nicht stehenbleiben.

Aber dann bleibe ich doch stehen. Da drüben. Das kleine, verbeulte rote Auto.

 

Das Auto. Das rote Auto, mit dem alles begann.

Eines Tages stand es einfach da, schmutzig und völlig fehl am Platz, vor dem beeindruckenden Gebäude meiner Schule. Es war ein Tag wie jeder andere, ein kalter Märztag, zu kalt für kurze Hosen und zu warm für einen Schal. Die alte rote Farbe, welche mehr an ein rostiges Braun erinnerte, passte nicht zu den anderen vorherrschenden Farben in diesem Bild. Edles Schwarz, reines Weiß, schimmerndes Blau, glitzerndes Grau. Aber kein schmutziges Rostbraunrot. Wahrscheinlich zog genau dieses Detail mich in seinen Bann. Ohne zu zögern machte ich ein paar Schritte auf das Auto zu. Ein Junge stieg aus. Ein gutaussehender Junge mit schwarzem Haar und noch schwärzeren Augen. Ein Junge, der mein Leben veränderte. Er winkte mir zu und ich, dumm wie ich war, stieg ein.

 

Ich löse meine Augen von dem Auto. Das ist es nicht, das ist nicht seines, es ist nicht das selbe rote Auto, rede ich mir ein. Mit zitternden Beinen setze ich meinen Weg fort, orientierungslos und ohne Ziel und meine Gedanken springen und reisen, und ich versuche, nicht an das Vergangene zu denken.

Als ich um eine Ecke biege, komme ich an einer Frau mittleren Alters vorbei. Ihre hohen, glatten Stiefel klappern auf dem harten Gehsteig und der schwere Geruch ihres Parfums dringt in meine Nase. Sie ist einen schönen, braunen Mantel gehüllt, um ihre Schulter hat sie eine teure Designertasche gehängt. Sofort springt mir das goldene Logo der Marke ins Auge. Wehmütig muss ich an die wertvolle Ledertasche denken, die ich einst besaß. Sie war in einem undefinierbaren graubraun gehalten, mit großem, glänzendem Emblem, welches jedem sofort mitteilte, wie wohlhabend meine Eltern waren, wie üppig und erfüllt mein Leben war. Als die Frau meinen Blick bemerkt, verstärkt sie ihren Griff um die Tasche und hastet eilig weiter, nur fort von mir. Ich beiße mir auf die Lippe, gehe weiter. Krame eine kleine Tablette aus dem dreckigen Stoffbeutel an meinem Rücken. Eine letzte, einen jeden Tag, sonst überstehe ich es nicht. Ohne Wasser schlucke ich sie trocken hinunter. Doch bevor die Wirkung mich vergessen lässt, werde ich wieder hinabgerissen, die Bilder tauchen erneut auf, lassen mich nicht los.

 

Die schwarzen Haare des Jungens, welche hin und her wippten, als er nach dem Feuerzeug kramte. Das Blitzen in seinen Augen, mit dem er mir eine anbot, funkelnde, versprechende Augen, dem man keinen Wunsch abschlagen wollte. Die unwiderstehlichen Worte, die er in mein Ohr flüsterte. Das wahnsinnige Gefühl, etwas verbotenes zu tun, ich, das brave, reiche Mädchen von nebenan. Ich hätte alles haben können, meine Eltern hätten mir jeden Wunsch erfüllt. Doch das wollte ich nicht. Ich wollte keine aus

Tausenden sein. Ich wollte anders sein, ich wollte nur das, was ich nicht bekam.

Sein stolzes Lächeln, nachdem ich das erste Mal meine Zweifel überwand. Er tut es ja auch, dachte ich. Und es ist so einfach, verlockend. Ein paar Schlucke, ein paar Züge, nur hinaus aus der Wirklichkeit fliehen, so lange, bis du nicht mehr klar denken kannst und nur noch genießt und nicht mehr aufhören willst und …. an das danach habe ich nie einen Gedanken verschwendet. Dafür war es zu aufregend, zu kostbar in diesen einzelnen Momenten, die dann doch immer mehr und mehr und mehr wurden und irgendwann zu viele waren.

 

Sie vervielfältigten sich, diese besonderen Augenblicke. Anfangs war es ein Spiel, leicht und unbeschwert. Ich wollte wissen, warum er es tat und wie es sich anfühlte. Ich wollte mitreden können, wollte mich von der Masse der braven Mädchen abheben, wollte einzigartig sein. In seiner Gegenwart fühlte ich mich außergewöhnlich, seine leise geflüsterten Worte, die mich lobten und mir besseres versprachen ermutigten mich. Mir war es gleich, ob ich Schulstunden verpasste, ob ich aus der Schule geschmissen wurde, mir war es egal, als meine Eltern mich vor die Tür setzten, denn ich hatte ja ihn und bei ihm war ich nur ich und einfach nur glücklich.

Wir hatten uns, wir hatten das Auto, wir hatten die klirrenden Flaschen. Wir hatten die knisternden Verpackungen der Tabletten, wir hatten meine noch nicht gesperrte Kreditkarte, wir hatten seine Verbindungen. Wir hatten das Vergessen und wir hatten die Glücksmomente, für die wir lebten.

Aber dann . . .

 

Ich erinnere mich an diese eine Nacht, diese eine schreckliche Nacht.

Mein Arm schmerzte noch von der Spritze, an die ich mich längst gewöhnt hatte, ein weiterer Stich in der Reihe. Doch der Schmerz war nichts im Vergleich zu dem Höhenflug, in dem ich mich sogleich befand. Es war … ich kann es nicht in Worte fassen. Worte genügen dafür nicht. Dafür brauchst du Bilder und Gefühle und Farben und Erinnerungen und noch so so vieles mehr. Aber genauso schnell war das Glück auch wieder vorbei.

Ich weiß noch, in dieser Nacht trug er seine dunkle Lederjacke, die ich so an ihm liebte. Seine schwarzen Augen schimmerten noch dunkler als je zuvor, ein betörendes, aufreibendes Schwarz. Unsere Hände, die sich berührten und seine Stimme, als er lachte und wir auf dumme Gedanken kamen, die uns in diesem Augenblick gar nicht dumm vorkamen. Sein glückliches Lächeln, als er auf der Straße lag und versuchte, Schneeengel im Beton zu hinterlassen.  

 

Heulende Reifen, helle, die Nacht durchdringende Scheinwerfer. Zusammengekniffenen Augen, zu schmalen Schlitzen verzogen. Sein Name aus meinem Mund, der die Nacht durchschneidet wie ein Diamant einen gewöhnlichen Stein. Ein grässliches Surren, ein ohrenbetäubendes Quietschen. Schwarze Augen, weit aufgerissen. Ein Schrei. Sein Schrei.

Schmerz. Kalter, eiskalter Schmerz.

Mein Schrei.

Sein Schrei.

Stille.

Ohrenbetäubende Stille.

 

Meine Beine geben unter mir nach, als ich mich im Hauseingang niederlasse. Schwer atmend lehne ich mich mit Rücken gegen die kalter Mauer. Es gibt wohl kein Vergessen, niemals. Innerlich zerstört drehe ich den dünnen Goldring an meinem Finger. Er ist die einzige Hinterlassenschaft meiner Eltern, nachdem sie mich hinausgeworfen hatten. Morgen werde ich ihn verscherbeln müssen, denn in den kleinen Pappbecher, den ich vor mir aufgestellt habe, fällt nie etwas hinein.

Mein Blick gleitet zu dem Gebäude gegenüber von mir. Es ist schön weiß und groß, teuer, zu teuer für einen gewöhnlichen Bürger, seinem Kind hier einen Abschluss zu ermöglichen. Drinnen reihen sich Designermarken nahtlos aneinander wie unendliche Zahlenfolgen. Alle sind anders als der Durchschnittsbürger, wohlhabender und geistreicher – und ich bin mir sicher, es gibt trotzdem einige dadrinnen, die sich insgeheim wünschen, endlich aus der erneuten Gewöhnlichkeit auszubrechen.

Leise vernehme ich das schrille Läuten der Schulglocke. Minuten später tritt ein blondes Mädchen mit schwarzen Stiefeln und einer grauen Umhängetasche aus dem Eingang. Ihren Schritten folgen hunderte, sie flüchten beinahe hinaus. Ich beobachte sie, wie sie mit ihren hunderttausenden Büchern unterm Arm dastehen, unwissend, was für ein Glück sie haben. Wissen ist Macht. Wissen kann die Welt verändern.

Man muss nicht anders sein, um etwas besonderes zu sein.

 

Das blonde Mädchen mit der grauen Umhängetasche wartet ein wenig abseits von den anderen. Unruhig gleitet ihr Blick über die Schülermasse. Als ein kleiner, blauer Wagen mit unzähligen Beulen vorfährt, der mich zu sehr an sein rotes Auto erinnert, und sie einsteigt, kann ich nicht anders, als ihr in Gedanken zuzurufen:

Ich hoffe, du weißt was du tust.

Ich hoffe, du kommst niemals auf die Idee, in der Nacht Schneeengel in den Beton zu malen.

 

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Iris Göbel