Schuld

Nachdem die Lobeshymnen durch die Veranda verhallt sind und der Ernst die Heiterkeit aus dem offenen Fenster gescheucht hat, nimmt N ein kleines, rotes Päckchen mit weißen Bändern zur Hand. Er überreicht es seinem Freund K, ein feierliches Lächeln in seinen vom Alkohol glasigen Augen. Der nimmt es, bedankt sich, prostet den Geladenen zu, bedankt sich. Irgendwann, als die Mitternacht schon lange überschritten ist, gehen auch die letzten Gäste.

Am Morgen liegt das Päckchen immer noch an derselben Stelle, wo K es die Nacht zuvor liegen gelassen hat, auf dem Nachttisch neben dem Bett. Bei jeder Bewegung fühlt K die starren Augen des unbeweglichen Objekts in seinem Nacken, die seiner alltäglichen Routine als ungeladener Gast beiwohnen. Er rasiert und wäscht sich, zieht sich an. Ergriffen von der anschwellenden Panik in seinem Herzen und erdrückt von der Last des Pakets packt K dieses und lenkt seinen grauen Volvo zur nächsten Bank. „Was kann ich für Sie tun? “, fragt ein bebrillter Anzugträger mit Seitenscheitel. Die beiden Männer sind allein in dem Raum, nur die Bankomaten singen sich summend Mut zu in der dunklen Herrgottsfrüh. K drückt dem Angestellten das Päckchen in die Hand und geht. Bald beginnt er zu laufen, der kalte Wind der Freiheit bläst ihm entgegen, die Kreditgeber sind ruhiggestellt.

Der Angestellte, der B heißt und mehr als ein bloßer Angestellter ist, sieht sich kurz um und steigt dann in den Lift, das Ding ungelenk unter seinen Arm geklemmt. Die Sonne wirft ihre ersten müden Strahlen durch das Fensterglas, Mitarbeiter schleichen, schweben in den dritten Stock. Doch das Ding stört B bei seinen Telefonkonferenzen und irritiert ihn bei seinen Sitzungen, auch nachdem er es, wie ein kleines Kind, das nur das Sichtbare als real akzeptiert, in seine schwarze Aktentasche verbannt hat.

Auf dem Weg nach Hause begegnet B einem Bettler. Der Bettler Z, in seiner vornübergebeugten Haltung mal einem Zirkusakrobaten, mal einem betenden Gläubigen ähnelnd, drückt seinen Kopf gegen den Boden. Vor ihm liegt eine schmutzige, ehemals wohl weiße Schirmkappe. Der Ruf der Pflicht erreicht B in der Person eines Kebabverkäufers. „Schönen Abend, Herr Doktor“, ruft die Pflicht. B, der kein Doktor ist und sich dennoch seiner moralischen Verantwortung bewusst wird, macht seine Tasche auf und legt mit beinahe liebevoller Sorgfalt ein rotes Päckchen in die wartende Mütze. Mit beschwingtem Schritt eilt er davon.

Ein Laubwind aus Menschen weht die lange Rolltreppe herauf und läuft dem schwindenden Herbstabendlicht entgegen. Für Z zählen nur die Blätter, gold, gelb, rot, welche die Leute abwerfen. Die Blätter in den Brieftaschen. Die Nacht kommt. Seine juckenden, verfilzten Haare lenken Z von der beißenden Langeweile und den Schwindelgefühlen ab. Heute ist die Mütze nicht leer. Eine Dose, eingepackt in zinnoberrotes Papier und an den Enden zerfließenden Bändern, hat sich darin breit gemacht. Er streichelt sanft über die Hülle und schreit leise auf, als seine Finger an eine spitze Kante stoßen.

Der stechende Schmerz erinnert ihn an ihre langen, ungepflegten Nägel und an das Gefühl, wenn sie manchmal über seine rauen Pfoten gefahren sind. Dann ist sie auf einmal nicht mehr dagesessen, auf der kaugummibesetzten Bank neben der Trafik. Die Hoffnung ist ihr noch vor den Haaren und den Nägeln abhandengekommen; die Verzweiflung hat sie dem Tumor zugeführt. Nach zehn Jahren am Rande des Untergrunds hat er wieder nach dem Leben gespäht, für die Behandlung gesammelt, versucht zu helfen. Doch bloß für wenige Tage, dann hat er sich wieder hingelegt, Kopf nach unten, Hintern nach oben. Was konnte man da schon machen? Das verdammte Geschenk schreit ihm die Sünden seiner Apathie ins wettergegerbte Gesicht. Vergib uns unsere Schuld. Z wirft es, blankes Entsetzen in seinen Augen, einem unschuldigen Passanten zu und flieht.

F fühlt kein Brennen in der Tasche seiner warmen Daumenjacke, aber es ist dieses ständige Bewusstsein der Existenz des Pakets, hier drin in seiner von zerfetzten Taschentüchern bewohnten Jackentasche, das ihn auf dem Weg zum Gericht um den Verstand zu bringen droht. Als wäre es etwas Verabscheuungswürdiges, ja sogar Bösartiges. Und es liegt an diesem nebeligen Novemberabend ein Hauch von Bösartigkeit, von roher, unverhohlener Grausamkeit in der Luft, als F das Gerichtsgebäude betritt. Sie lassen ihn ein, die Menge ist schon versammelt, zischt und zeigt mit Fingern auf ihn. Der Prozess nimmt seinen Lauf, unter dem Talar schwitzt F. Vorne sitzt der Angeklagte, blickt sich ängstlich alle paar Minuten panisch in Richtung der ihm feindlich gesinnten Welt um, deren Sprache er nicht versteht. F wischt sich mit einem schmutzigen Fetzen, dem letzten verbliebenen Rest des Taschentuches, die nasse Stirn ab. Die Welt will Blut. „Schuldig! “, brüllt einer aus dem Publikum. F räuspert sich. „Der Angeklagte“, beginnt er. „Der Angeklagte“ – „schuldig! “ – „der Angeklagte“ – „schuldig! Schuldig! “ – „der Angeklagte wird in allen Punkten schuldig gesprochen. “ Der junge Mann bricht zusammen, als der Richter auf ihn zustürzt und ihm hastig das Paket in die Hand drückt. Die Menschenmassen grölen und jubeln wie im Wahn.

Sie steinigen den Angeklagten in einem Hagel von kleinen, roten Päckchen.

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Johannes Lang