Totalreflexion

Die Nacht draußen ist still und schwarz - ungemütlich. Drinnen ist es lärmig und hell - auch ungemütlich. Die Grenze zwischen still und lärmig, schwarz und hell liegt kalt und glatt zu meiner Linken während ich auf der Fensterbank sitze und dem endlosen Tropfen des Regens lausche.

Wenn ich den Kopf drehe, ist das Fensterglas ein Spiegel, so dunkelschwarz ist es draußen. Schon komisch: Wenn man sich anstrengt und den Kopf schief legt, ungefähr so, dann ist das Fensterglas durchscheinend und lässt mich in die Nacht hinaussehen. Nicht, dass es dort etwas zu sehen gäbe, aber es ist doch möglich, Umrisse zu erahnen. Wenn man den Kopf aber nur ein kleines bisschen anders hält, etwas aufrechter, dann, ohne Übergang - zack! - ist das Fensterglas nicht länger durchsichtig, sondern so schwarz wie die Nacht dahinter, und spiegelt mich wieder. - Totalreflexion. Die Fensterscheibe hat mein Spiegelbild gut hinbekommen: Schmale Nase, helle Augen, blasse Wangen - unscheinbar; trotz der teuren Ohrringe - Wie immer.

"Komm doch her, was sitzt du denn so abseits, ganz alleine? " Die Stimme kommt aus dem hellen Lärm im Raum hinter mir, vertraut unter all' den Tanzenden. "Ich wollte dir noch meine Freunde vorstellen, du wirst sie sicherlich mögen. Aber jetzt komm, was sollen denn die anderen denken, wenn du als Gastgeberin den ganzen Abend alleine dasitzt? ! " Die Hand, die mich von der Fensterbank aufzieht, liegt warm in meiner kalten. Es fühlt sich sicher an, wenn sie mich so festhält. Ich wäre lieber noch etwas geblieben, den Blick auf die nasse, kalte Welt draußen, verschont von den fordernden Stimmen, aber ich lasse mich mitziehen. Wenn ich die warme Hand in meiner spüre und mich an den Anfang erinnere, fällt es mir leichter, meine dunkelschwarze Nacht hinter mir zu lassen und in diese glitzernde Welt einzutauchen.

Ein ordentlicher Wind ist gegangen und kühl war es. Man hat richtig gespürt wie dieser Wind den letzten Rest Sommerwärme weggeblasen hat. Dabei ist erst Anfang September gewesen. Bei der Donau sind wir gestanden und haben Steine geworfen, auf die kleinen Schaumkrönchen der Wellen drauf, weil es so schön gespritzt hat, das graue Donauwasser. Bis eine alte Frau mit Dackel vorbeigekommen ist und uns gesagt hat, dass wir doch aufhören sollen mit diesem Blödsinn, sind wir einfach nur dagestanden und haben geworfen. Wir haben natürlich trotzdem weitergemacht mit diesem Blödsinn, aber erst als die beiden schon weitergewackelt waren. Da hast du mich dann das erste Mal gefragt. Wenn ich Geld bräuchte - hast du gesagt - könnte ich dich dann um Unterstützung bitten? Bitten könntest du ja mal, hab' ich erwidert und überhaupt ist "bräuchte" ja noch keine Dringlichkeit. Da hast du lachen müssen und gemeint, dass Geld natürlich immer eine dringliche Sache sei, und dass es dir eben fehlen würde, während es bei mir ohnehin keinen Unterschied mache. Dann hast du meine Hände genommen und sie ganz in deinen versteckt. Sie waren auch damals warm, trotz des untypisch eisigen September-Windes. Mit erwartungsvoll schräg gelegtem Kopf hast du mich angeschaut und -zack! - habe ich deine Erwartungen genommen und zu meinen Wünschen gemacht - Totalreflexion.

Die Gruppe seiner Freunde steht in der Mitte des Raumes, gleich neben der improvisierten Tanzfläche - im Zentrum der Aufmerksamkeit. Als ich näher komme, fest im Griff der warmen Hand, strahlen sie mir entgegen, ihre Gesichter versteckt hinter maskenhafter Fröhlichkeit. "Super, dass du vorbeikommst! , " sagt einer von ihnen. Er ist mir sofort unsympathisch, weil er als Erster das Wort ergriffen hat. "Tolle Party, wirklich, dass ihr beide das alles organisiert habt…" Dann richtet er sich nur an mich: "So ein Leben wie du es hast würde ich auch gerne führen. Frei, weil alles da ist. " Die Maske ist gut gelungen, denke ich, wirklich ganz hervorragend. Man sieht seinen Neid kaum durchschimmern, nur seine Augen, die blitzen vielleicht ein wenig zu grau, fast schon silbrig. Ich möchte gerade etwas erwidern, ihm sagen, dass Freiheit anders aussieht und dass poliertes Silber auch nur ein Spiegel ist, doch da dreht sich das Gespräch schon weiter - ohne mich; einem Karussell gleich, auf das ich nicht rechtzeitig aufgesprungen bin. Ich werde warten müssen bis es zur nächsten Runde anfährt. Meine Gedanken schweifen ab, zu einem anderen Karussell, auf einem anderen Kirtag.

Wir haben uns verabredet gehabt zum Kettenkarussellfahren, um viertel Vier, vor dem Praterturm. Du hast mich dort warten lassen; um Halb warst du erst da. Bis dahin habe ich mir die Zeit und mein Kleingeld beim Stand gegenüber verschossen. Gewonnen habe ich einen hässlichen Schlüsselanhänger mit Gummi-Gurke dran. Der hat dann zusammen mit mir auf dich gewartet. Du hast mich angelächelt, obwohl du genau gewusst hast, dass ich es hasse, wenn du unpünktlich bist. Deine U-Bahn habe sich verspätet und es tue dir leid. Mit einem Lächeln im Gesicht hast du es mir gestanden und da habe ich schon geahnt, was jetzt kommen würde. Was ich dich eigentlich fragen wollte, so hast du angefangen; was ich dich eigentlich fragen wollte ist, ob du mir aushelfen kannst. Es ginge nicht um Geld, zumindest nicht in erster Linie. Es ginge vielmehr um einen passenden Ort. Das wär doch lustig, hast du gemeint, wir könnten feiern und tanzen und wir könnten alle einladen. Ich müsste dir bloß aushelfen, es läge an mir. Den Kopf leicht nach links geneigt hast du mich angesehen, hoffnungsvoll irgendwie, und -zack! - habe ich deine Hoffnungen genommen und sie zu meinen Zielen gemacht; Totalreflexion.

Ihre Worte tröpfeln immer noch auf mich ein und ich muss an den Regen draußen denken, der an die Fensterscheiben und auf die Dachschindeln klopft und weiter, immer weiter fällt, gleichgültig ob ich ihm Beachtung schenke oder nicht. Eine graue Regelmäßigkeit, die die Oberfläche streift, aber doch niemals darunter dringt.

Meine Gedanken werden von einem schweren und endgültigem Zerbrechen unvermittelt gestoppt. Etwas Großes muss zu Bruch gegangen sein in meinem Zimmer. Auch die Anderen sind verstummt, aber das Schweigen wird nicht lange anhalten. Die ersten Gespräche nehmen schon wieder an Fahrt auf. Diesmal versuche ich nicht aufzuspringen, sondern befreie mich aus dem festen Griff der Hand und gehe ins Nebenzimmer. Das Fenster dort steht offen, und die Spiegel-Scheibe hat sich in kristallenen Splittern über den Boden ergossen. Wenn ich mich diesen jetzt nähere und den Kopf schief lege, genau so, dann sehe ich das Licht gebrochen, in all' seine Facetten. Vom morgendlichen Wolkenschleierviolett bis zum abendlichen Himmelsrot, von Frühlingsblaugrün zu Herbstgelborange. Das ganze sichtbare Spektrum dieser Welt liegt gebrochen zerbrochen zu meinen Füßen - es erwartet mich. Und der feuchte Wind der Freiheit kitzelt mich an der Nasenspitze.

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Pia Feiel