Weiß zu rot

Wie zwei große, leuchtende Augen kommen mir die Scheinwerfer entgegen. Sie kommen weiß und sie gehen rot. Immer und immer wieder von weiß zu rot, ohne auch nur langsamer zu werden.

Weiß zu rot. Endloses Farbenspiel. Ein unverkennbarer Rhythmus der Ignoranz. Sich vor Problemen verschließend. Ohne Gedanken an Geld zu verschwenden.

Die Haare hängen mir ins Gesicht. Der Regen hat sie ganz schwer gemacht. Und durch den stetigen, wässrigen Vorhang kommen schon wieder zwei weiße Augen auf mich zu.

Starr sind sie nach vorne gerichtet. Blicken erhellend, fast schon allwissend in die Ferne. Sehen Dinge die ich nur erahnen kann.

Sehnsüchtig strecke ich meinen Daumen aus, in der Hoffnung der unendlichen Himmelsflut zu entgehen. Doch es scheint erneut vergebens. Die weißen Augen drohen rot zu werden.

Plötzlich sind die Augen weg. Das Weiß verschwindet, aber kein Rot kommt zum Vorschein. Der Wagen hat gehalten. Vor mir öffnet sich eine Tür.

Eine erhobene Hand. Stille als Kommunikationsmittel. Keine Fragen gestellt. Keine Antwort geliefert. Die Hand winkt.

Dankbar steige ich ein. Der Fahrer – oder ist es eine Frau – will wissen wo ich hin möchte. Weit weg. So weit wie es geht. Wohin ist egal.

Ziele sind für Menschen die wissen. Nicht für jene die hilflos herumgeistern. Wertlos durch die Welt streifend; die Bedeutung hinter den Dingen nicht verstehend.

Mühsam fährt der Wagen an. Es sei sein – oder doch ihr – Prachtstück. Läuft zwar nicht so glatt wie ein moderner Wagen, sieht dafür besser aus.

Materialität als eine blecherne Hülle. Wie ein Panzer aus Geld der sich bewegt. In dem Kasten ein Verlorener und ich als Verlierender.

Trommelnd schlägt der Regen gegen das Fenster. Das Fenster, dass meine fiebrig-heiße Stirn kühlt. Das Fenster das, vom Nebel getrübt, nicht mehr zeigt als eine leere Leinwand.

Wünsche die Leinwand zu bemalen – ihr Leben zu schenken – machen sich breit. Die Leere zu füllen. Mit der Leere die ich verliere.

Bohrend ist der Blick der mich prüfend trifft. Mein Alter scheint unklar. Alt genug bin ich auf jeden Fall. Skeptisch wendet sich der Blick wieder der Straße zu.

Kein Wort wird gewechselt zwischen Verlorenem und Verlust. Stillschweigend bewegt sich die Hülle, unterbrochen nur von fragenden Blicken, vergeblich auf Antwort wartend.

Sekunden. Minuten. Stunden. Unaufhaltsam fliegt die Zeit voran. Mir kann es nicht schnell genug gehen. Je schneller ich den Ort verlasse, desto schneller kann ich vergessen.

Ewigkeiten vergehen. Ein Ort wird erreicht; der Regen nicht weniger. Die Türe öffnet sich, die Kälte strömt ein. Weiter geht es nicht.

Leiser werdend steht das schließende Knallen im Nebel. Gequält lebt der Motor auf um die Maschinerie in Gang zu setzen.

Kleiner werdende, rote Augen. Die weißen Augen bleiben aus. Die Zeit, die ich tot schlage, steht wieder auf, will nicht verstreichen.

Umgeben von einer weißen Wand gleich Leinen. Unbemalt und jungfräulich. Ungeprägt von Enttäuschung. Nicht erreicht von einem Tropfen formender Farbe.

Inmitten der leeren Leinwand schwebt der Geist meiner selbst. Ein Abbild dessen was war. Eine Vorhersage die nie sein wird. Eine Gegenwart die nicht sein will.

Dichtend wo kein Wort sich reimt. Verschmähung aller Kunst. Der Aussage beraubt, schwebt die Zeit umher. Suchend nach der Frage auf die Antwort.

Besitzlos. Mittellos. Ohne Geld und ohne Status. Umgeben von Wald und Straße und Leinwand. Eingeblendet in das Umfeld.

Nicht bemerkt von den bewegten Augen und die Augen nicht bemerkend. Ein Fuß vor dem anderen. Der Weg ohne Ziel wird immer länger mit jedem Schritt den ich gehe.

Vertrieben von zuhause. Von dem Ort der Sicherheit spenden sollte. Von dem Ort den wir uns nicht leisten konnten. Von dem Ort an dem ich eine Ausgabe war.

Sicherlich sind sie ohne mich besser dran. Ein Maul weniger, dass gefüttert werden muss. Mich nicht vermissend werden sie aufwachen.

Das Bett, noch leerer als die neblige Leinwand, werden sie verheizen. Für eine Wärme die mir fehlt. Die Tränen der Engel stürzen immer noch herab. Jeder meiner Schritte macht sie trauriger.

Schleichend nähern sich die weißen Augen wieder. Erhellen die weiße Leinwand. Kommen auf mich zu und werden rot.

Geordnet und in Reih' und Glied. Derselbe Rhythmus immerzu. Getrieben von der Eintönigkeit die ihre Leben bestimmt.

Weiß zu rot. Niemals rot zu weiß. Einmal vorbei kommen sie nicht zurück. Fahren ihrem Schicksal entgegen, wollen nicht vor ihm umdrehen.

Und während sie auf ihr Schicksal zurasen, schreite ich Schritt für Schritt einem alten Freund entgegen, bereit ihn mit offenen Armen zu empfangen.

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Florian Wachter