Zwischenzeit

„Hallo, sind Sie da? “ Es war die Studentin der Betriebswirtschaftslehre, die bei der Pensionsversicherung aushilft und seit kurzem als Kontaktperson für Berufsunfähigkeitspensionen arbeitet. Sie kam immer am Zweiten jeden Monats – außer der Zweite fiel auf einen Sonntag, dann kam sie schon am Ersten – und warf ein großes Kuvert voller Infomaterial zu Reha-Angeboten und Veranstaltungen karitativer Organisationen in seinen Briefkasten. Dabei rief sie einmal kurz ‘Hallo’ und ging sofort wieder, ohne seine Antwort abzuwarten. „Hallo? “, rief sie erneut.

„Guten Tag. “ Sie lächelte, als Heinrich ihr die Tür öffnete. „Darf ich hereinkommen? “ Er zeigte auf den kleinen Tisch, der den Großteil seiner Wohnungseinrichtung ausmachte. „Tee, Kaffee? “, fragte er und ging zur Küchenecke. „Tee, vielen Dank“, antwortete sie. Er war über seine eigene Frage überrascht. Er drehte sich um und sah sie zum ersten Mal richtig an. „Tee“, sagte er, als wollte er sich selbst zureden, das Richtige zu tun. Sie lächelte. Vorsichtig nahm er zwei große Tassen aus dem Schrank.

Als Heinrich die Kanne mit dem fertig aufgebrühten Tee auf den Tisch stellte, bemerkte er, dass sie noch immer lächelte und auf die ihr gegenüberliegende Wand schaute. Dort hing eine gerahmte Zeichnung. Mit der linken Hand drehte er den Rahmen zurecht. Die rechte konnte er seit dem Unfall nicht mehr bewegen. „Das ist aber ein schönes Bild. Hat ihr Enkelkind die Sonne gemalt? “, fragte sie. Er schüttelt zögernd den Kopf. „Nein, die Zeichnung ist von meiner kleinen Schwester, sie hat sie mir mit der Post geschickt, als ich in Afghanistan war. Da war sie noch sehr klein. Ich war damals schon als Ingenieur tätig und habe die Zugstrecke von Turkmenistan bis nach Towraghondi geplant. Das ist 36 Jahre her. Seit damals habe ich sie nicht mehr gesehen. “

Die Studentin fing an, hektisch in ihrer Tasche zu kramen. „Können Sie die Sprache noch? “, fragte sie. „Meinen Sie Dari? – Ich habe sie schon lange nicht mehr verwendet, aber ich glaube, ich könnte mich noch verständlich machen. “ Endlich hat sie hat den Flyer gefunden. Sie legte ihn auf die Mitte des Tisches. „Das ist ja wunderbar, eine Volksschule in der Stadt hat vor kurzem viele Flüchtlingskinder aufgenommen, und braucht nun dringend jemanden, der helfen kann. “ Dann sagte sie, dass die Lehrerinnen überfordert wären, und dass dieses Unterstützungsprojekt Personen sucht, die eine der Sprachen der Kinder sprechen. Heinrich starrte auf den Tisch. Mit ihrem rechten Zeigefinger tippte sie ununterbrochen auf den Flyer als würde sie telegraphieren. „Rufen Sie einfach diese Nummer an, wenn Sie Interesse haben! So, jetzt muss ich weiter, danke für den Tee. “

Heinrich stand vor einer Wand gelber Sonnen. Er wusste nicht, wie er von zu Hause in die Volksschule gekommen war. So lange hatte er seine Wohnung nicht mehr verlassen. Seine linke Hand umklammerte den Flyer. „Kommen Sie zu mir? “, fragte ihn die Direktorin und streckte ihm ihre Hand entgegen. Solchen Situationen war er aus dem Weg gegangen. „Ich bin wegen der Kinder hier“, sagte er und hob den Flyer nah an ihr Gesicht. „Sehr gut, sehr gut“, sagte sie, sich rasch auf ihren Absätzen umdrehend, „folgen Sie mir bitte in mein Büro“. Heinrich hatte es sich schwieriger vorgestellt. Offenbar sagte er nichts Falsches, aber eigentlich sagte er kaum etwas. Auf einmal hörte er sich auf die Frage: „Wie wäre es für Sie, wenn Sie Morgen um zehn vor acht bei uns in der Schule sind? “ ­mit ‘Ja’ antworten.

Am nächsten Morgen stand Heinrich pünktlich vor der Wand mit den wasserfarbengelben Sonnen. „Fangen wir an, die Kinder warten schon auf uns. “ Er folgte der Direktorin in das Klassenzimmer. „Guten Morgen Kinder, setzt euch bitte. “ Er streichelte über seine rechte Hand. Die Kinder blickten erwartungsvoll zu ihm auf. Er zögerte einen Moment, dann fing er bedächtig an zu sprechen. Zuerst auf Deutsch, dann auf Dari. Nach ein paar Sätzen begann in seinem Kopf eine Sprache wieder lebendig zu werden, die er vergessen geglaubt hatte, Farben, Laute, alles kam wieder. Mit jedem Satz wurde er sicherer. Er fühlte, wie sein Blick, wenn er eines der Kinder ansah, erwidert wurde. Er sprach von sich, sagte seinen Namen und erzählte, dass er die Eisenbahn in ihrem Land gebaut hatte.

Die Direktorin öffnete eine grüne Mappe. Aufmunternd klopfte sie ihm auf die Schulter. „I oder ie – Grammatik und Rechtschreibübungen 1“, las er laut vor. Er schlug die Mappe zu. „Ich möchte, dass wir uns kennenlernen“, sagte Heinrich. „Wir machen eine Vorstellungsrunde, sagt mir bitte eure Namen, eure Lieblingsfarbe und euer Lieblingsessen. “ – „Hallo, ich bin Jannik, ich mag die Farbe Gelb, und ich mag Qorme Kofta ganz gerne“, sagte der Junge in der ersten Reihe. „Ich bin Samira, ich mag die Farbe Blau und ich esse gerne Pakaura, aber nur wenn sie warm sind. “ – „Ich bin Svea, und ich mag Märchengeschichten. “

„Das ist schön, Svea! “, sagte er. „Kannst du uns bitte dein Lieblingsmärchen erzählen? “ – „Mein Lieblingsmärchen ist ‘Der kleine Vogel und der Tannenbaum’. Da geht es um einen Vogel. Der Vogel hilft den Ameisen über einen Fluss. Der Tannenbaum hilft dem Vogel dabei. Die Ameisen können nicht schwimmen. Sie wollen trotzdem über den Fluss, auf der anderen Seite wartet ein besseres Leben auf sie. Der Vogel ist noch klein. Der Vogel muss stark sein, obwohl er von all seinen Freunden und sogar von seinen eigenen Eltern ausgelacht wird, weil er nicht wie die anderen Vögel ist, nicht das macht, was die anderen machen. Die anderen Vögel sind in den Süden geflogen. Er ist beim Tannenbaum geblieben. “

Heinrichs Schwester muss ungefähr so alt gewesen sein wie Svea, als er sie zum letzten Mal gesehen hat. Es war Weihnachten. Die Familie saß unter einem großen Tannenbaum. Sie sangen Weihnachtslieder, erzählten Geschichten und packten Geschenke aus. Doch dann ist er weg geflogen. Die Schwester ist beim Tannenbaum geblieben.

Zu Hause angekommen, ließ er sich erschöpft in seinen Sessel fallen. Er saß da und dachte über den Tag nach. Er fühlte, wie der Vormittag ihn gefordert hatte – aber auch gefreut. Unruhe erfüllte ihn. Ein Gefühl, das ganz anders war als die müde Geistlosigkeit, in die ihn die Berufsunfähigkeitspension getrieben hatte. Er hatte sogar zugesagt, am nächsten Tag wieder um zehn vor acht in der Volksschule zu sein.

Er stand auf. Er rückte das Bild zurecht. Er schaute es an. Er sah die Farben, die Sonne, den Vogel, den Baum. Er ging zum Telefon. Langsam wählte er. Würde seine Schwester um diese Zeit ans Telefon gehen?

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Yona Schuh